Schweiz will an Klimakonferenz Fortschritte sichern
Die Erwartungen an die am Montag startende Weltklimakonferenz sind nach dem Hitzesommer in Europa gross. Grundlegende Beschlüsse sind aber nicht zu erwarten. Für die Schweizer Delegation steht an den Verhandlungen die Verteidigung bestehender Zusagen im Vordergrund.
„Es geht vor allem darum, Fortschritte unter dem Abkommen zu sichern“, sagt Umweltbotschafter Felix Wertli auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Wertli leitet die Schweizer Delegation an der 31. Uno-Klimakonferenz (COP 31), die vom 9. bis zum 20. November im türkischen Antalya stattfindet.
Vertreterinnen und Vertreter aus 197 Staaten verhandeln dort über die nächsten Schritte zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. Die Konferenz sei eine „Arbeits-COP“, erklärt Wertli. Der Rhythmus des Pariser Abkommens sieht grosse Grundsatzentscheide erst wieder in zwei Jahren an der COP 33 vor. Bis dahin gehe es vor allem darum, die bisherigen Zusagen voranzubringen und konkrete Fortschritte zu erzielen.
Handlungsdruck gestiegen
Der Handlungsdruck sei im vergangenen Jahr gewachsen, so Wertli. Die Staaten bekämen die Folgen des Klimawandels immer deutlicher zu spüren, viele Menschen verlangten rasche Antworten.
Zusätzlich verschärfen wissenschaftliche Warnungen die Ausgangslage. Ein Bericht des Uno-Umweltprogramms (Unep) hält fest, dass die Welt das im Pariser Klimaabkommen definierte 1,5-Grad-Ziel vorübergehend überschreiten dürfte.
Trotz dieser Entwicklung hält die Schweiz am 1,5-Grad-Ziel fest. Eine zeitweilige Überschreitung bedeute nicht, dass das Ziel aufgegeben werden solle, betont Wertli. Vielmehr müsse die Staatengemeinschaft alles daransetzen, die Erwärmung möglichst rasch wieder zu senken.
Die Schweizer Delegation arbeitet laut Wertli darauf hin, Handlungsfelder mit rascher Wirkung zu identifizieren, in denen die Staatengemeinschaft schneller mehr erreichen kann. Konkret nennt der Verhandlungsleiter etwa den weltweiten Ausbau der Elektrifizierung auf 35 Prozent bis 2035, verbesserte Frühwarnsysteme gegen Naturgefahren oder die Reduktion von Methanemissionen.
Zudem pocht die Schweiz auf Fahrpläne für die Abkehr von fossilen Energien und fordert, dass sich künftig alle wohlhabenden Staaten, auch Länder wie Singapur, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, an der Klimafinanzierung für die ärmsten Staaten beteiligen. Für Umweltorganisationen wie den WWF Schweiz greift diese Haltung jedoch zu kurz: Sie fordern, dass Bern nicht nur neue Geber in die Pflicht nimmt, sondern den eigenen Beitrag an die internationale Klimafinanzierung erhöht.
Auch kleinere Länder in der Pflicht
Besonders gefordert sind laut dem Schweizer Umweltbotschafter die grössten Verursacher des Klimawandels. Die G20-Staaten sind zusammen für rund drei Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Sie müssten deshalb Klimaziele vorlegen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar seien, sagt Wertli.
Gleichzeitig dürften sich kleinere Länder nicht aus der Verantwortung stehlen. Viele Staaten argumentierten, ihr eigener Ausstoss sei zu gering, um einen spürbaren Unterschied zu machen. „Nimmt man aber alle Staaten zusammen, die einzeln für höchstens ein Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, verursachen diese gemeinsam fast 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase“, betont Wertli. Es brauche deshalb den Beitrag jedes einzelnen Landes.
Auch die Schweiz müsse ihren Teil leisten. Die direkte Demokratie brauche Zeit, um klimapolitische Massnahmen breit abzustützen. Solche Probleme hätten aber alle Länder. „Es gibt in der Klimapolitik keine Musterschüler“, sagt Wertli. „Es ist für alle herausfordernd.“
Abkommen nicht gescheitert
Trotz des sich abzeichnenden Verfehlens des 1,5-Grad-Ziels sieht Wertli das Pariser Abkommen nicht als gescheitert. „Ohne das Abkommen stünden wir an einem viel schlechteren Ort“, sagt er. 2015 sei die Welt noch auf dem Weg zu einer Erwärmung von rund vier Grad gewesen, heute liege die Prognose bei 2,6 bis 2,8 Grad. Auch sei nach dem erneuten Rückzug der USA kein anderes Land aus dem Abkommen ausgetreten.
Auch in der Realwirtschaft sei der weltweite Wandel weg von fossilen Energien längst greifbar. „Vor zehn Jahren galt noch als Exot, wer ein Elektroauto kaufte – heute werden weltweit 30 Prozent Elektroautos verkauft“, so Wertli. Bei der Solarenergie verdopple sich die neu installierte Leistung alle drei Jahre. Diese Dynamik zeige, dass man die Ohnmacht ablegen dürfe: „Die Länder sind eigentlich auf dem richtigen Weg, aber noch nicht schnell genug.“
