ABB kämpft in Indien um junge Talente
Indien wird für ABB immer wichtiger. Neben dem wachsenden Absatzmarkt locken gut ausgebildete Fachkräfte. Doch der Wettbewerb um die Talente nimmt zu.
Siddharth Chauhan steigt auf sein Motorrad und kämpft sich durch den Verkehr in der südindischen Metropole Bengaluru. Der 29-Jährige arbeitet bei einem Start-up. Sein Traum ist es, eines Tages für einen grossen internationalen Konzern zu arbeiten und Karriere zu machen.
Chauhan gehört zu den Millionen jungen Inderinnen und Indern mit hohen Ambitionen. Für internationale Unternehmen sind sie ein attraktiver Talentpool: gut ausgebildet, ambitioniert und im Vergleich zu Fachkräften in den USA oder Europa günstig.
Davon will auch ABB profitieren. Der auf Automatisierung, Elektrifizierung und Antriebstechnik spezialisierte Schweizer Konzern ist seit über 75 Jahren in Indien tätig.
Indien als Wachstumsmarkt
„Indien steht für die Chance auf Wachstum“, sagte Antriebstechnik-Chef Brandon Spencer Ende Oktober auf einer von ABB organisierten Pressereise in Bengaluru. Für seine Sparte sei Indien nach den USA und China der drittgrösste Markt weltweit. „Der Umsatz dürfte hier weiterhin deutlich wachsen“, sagte der US-Amerikaner.
ABB beschäftigt in Indien mehr als 11’000 Mitarbeitende in 26 Fabriken an sechs Standorten. Dort befindet sich zudem das weltweit grösste Forschungs- und Entwicklungszentrum von ABB. Seit 2021 hat sich die Belegschaft mehr als verdoppelt.
Im laufenden Jahr investiert der Konzern weitere rund 75 Millionen US-Dollar in die Ausweitung von Produktion und Forschung. Dadurch sollen mehr als 300 qualifizierte Arbeitsplätze entstehen.
Aufschwung trotz geopolitischer Risiken
Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden grossen Volkswirtschaften. Im Finanzjahr 2025/26, das Ende März abgeschlossen wurde, wuchs das Bruttoinlandprodukt laut vorläufigen Zahlen um 7,7 Prozent. Für das laufende Finanzjahr erwartet der Internationale Währungsfonds ein Wachstum von 7 Prozent.
Doch der Aufschwung ist nicht risikofrei. Der Krieg im Nahen Osten hat die Energie- und Logistikpreise erhöht und setzt die Landeswährung Rupie unter Druck. Zudem belasten die unsichere internationale Zollpolitik sowie geopolitische Spannungen die Aussichten.
ABB sieht darin kein unüberwindbares Hindernis. „Kunden legen weiterhin grossen Wert auf Technologie, Qualität und Lieferperformance sowie auf wettbewerbsfähige Kosten“, sagte Sridhar TK, Finanzchef und designierter Chef von ABB Indien, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.
Die höheren Kosten liessen sich über Preisanpassungen kompensieren. Ausserdem investiere das Unternehmen in erneuerbare Energien an seinen Standorten und produziere bereits 85 Prozent der für den indischen Markt bestimmten Produkte lokal.
Konkurrenz um Talente nimmt zu
Eine grössere Herausforderung ist der zunehmende Wettbewerb um Fachkräfte. Auch andere internationale Unternehmen bauen ihre Präsenz in Indien aus: Der Apple-Zulieferer Foxconn stellte etwa in seinem neuen iPhone-Werk nahe Bengaluru innerhalb von neun Monaten rund 30’000 Mitarbeitende ein.
„Diese Konkurrenz spüren wir“, sagte Spartenchef Spencer beim Besuch des ABB-Standorts Nelamangala. Dort produziert das Unternehmen im Geschäftsbereich Elektrifizierung Leistungsschalter, Schütze oder Lasttrennschalter, die unter anderem in Rechenzentren zum Einsatz kommen – einem wichtigen Wachstumsmarkt für den Konzern.
Junge Inder fordern mehr Perspektiven
Junge Inderinnen und Inder sind bei Arbeitgebern gefragt. In der Generation Z wächst jedoch die Unzufriedenheit über mangelnde Aufstiegschancen, Jugendarbeitslosigkeit, Korruption und ein als ungerecht empfundenes Bildungssystem.
Ein Symbol dafür ist die seit Mai 2026 aktive „Kakerlaken“-Bewegung. Sie entstand als satirische Online-Initiative, nachdem Indiens oberster Richter arbeitslose junge Akademiker mit „Kakerlaken“ verglichen hatte. Inzwischen richtet sich die Protestbewegung auch gegen fehlende Arbeitsplätze und mutmassliche Manipulationen bei Prüfungen.
Auch Chauhan ist frustriert. Obwohl er ein Ingenieurstudium, einen MBA und einige Jahre Arbeitserfahrung hat, sieht er für sich in Indien nur begrenzte Perspektiven. „Was bringt uns das Wirtschaftswachstum, wenn unsere Währung an Wert verliert und unser Pass so wenig Reisefreiheit bietet?“, fragt er sich. Zudem kritisiert er die mangelhafte Infrastruktur: Schlaglöcher, schlechte Luft- und Wasserqualität sowie den schleppenden Ausbau des öffentlichen Verkehrs.
Chauhan träumt davon, Indien zu verlassen. Internationale Konzerne wie ABB sieht er als Sprungbrett: Sie bieten berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und im Idealfall die Chance, ins Ausland zu wechseln.
