Mit dem Geiger Ara Malikian auf Weltreise im Konzertsaal
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Höfner Volksblatt  
28. Oktober 2026

Mit dem Geiger Ara Malikian auf Weltreise im Konzertsaal

„Intruso“ heisst ein Konzert, mit dem Ara Malikian in Zürich zu hören ist. Der libanesisch-spanische Künstler mit armenischer Abstammung hat klassische Violine studiert und verbindet Bach und Mozart mit Jazz und Weltmusik. Warum? Das erzählt er im Interview.

Keystone-SDA: Sie nennen ihr Konzert „Intruso“, deutsch Eindringling. Fühlen Sie sich als solcher?

Ara Malikian: „Einen Grossteil meines Lebens habe ich mich wie ein Eindringling gefühlt, als würde ich nirgendwo so richtig dazugehören. Doch irgendwann wurde mir klar, dass es vielleicht gar kein Problem ist, ein Eindringling zu sein. Vielleicht ist es sogar ein Privileg. Es gibt einem die Freiheit, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.“

Sie beziehen Intruso auch auf Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Niccolò Paganini oder Astor Piazzolla. Auf je unterschiedliche Weise gehören diese drei zum klassischen Repertoire auf den Konzertbühnen. Inwiefern betrachten Sie sie als Eindringlinge?

Malikian: „Ich glaube, dass alle grossen Künstler in gewisser Weise Eindringlinge sind. Sie betreten eine Welt mit festgelegten Regeln und stellen plötzlich alles auf den Kopf. Bach war ein Eindringling, weil seine Vorstellungskraft die Konventionen seiner Zeit bei Weitem überstieg. Paganini war praktisch schon ein Rockstar, bevor es überhaupt Rockmusik gab. Und Piazzolla wurde dafür kritisiert, dass er es wagte, den traditionellen Tango in etwas völlig Neues zu verwandeln. Was ich an diesen Komponisten liebe, ist, dass sie niemanden um Erlaubnis baten, sich selbst zu sein.“

Sie haben den Weg einer klassischen Violonistenkarriere eingeschlagen und waren erfolgreich. Warum wurde Ihnen das zu eng?

Malikian: „Ich empfinde grossen Respekt und tiefe Liebe für die klassische Musik. Sie hat mir alles gegeben. Doch irgendwann beschlich mich das Gefühl, dass ich zwar lernte, perfekt Geige zu spielen, dabei aber allmählich vergass, warum ich mich überhaupt in dieses Instrument verliebt hatte.“

Hing das auch mit Ihrer Herkunft zusammen?

Malikian: „Ich bin in Beirut während des Krieges aufgewachsen. Als Kind war Musik für mich nichts Elegantes oder Intellektuelles. Sie war ein Zufluchtsort, eine Notwendigkeit, eine Möglichkeit, der Angst zu entkommen. Die Geige war meine Freundin, mein Schutzraum, manchmal meine ganze Welt. Später entdeckte ich an den Konservatorien eine Welt von aussergewöhnlicher Disziplin und Schönheit, aber auch zahlreiche Regeln darüber, wie sich ein Musiker verhalten, wie er stehen, wie er interpretieren und sogar wie er fühlen sollte. Ich fragte mich: Warum sollte ich einen Teil von mir vor dem Konzertsaal zurücklassen müssen? Ich wollte die klassische Musik nicht aufgeben. Ich wollte mein ganzes Leben in sie einbringen: meine armenischen Wurzeln, meine Kindheit im Libanon, die Musik, die ich auf den Strassen hörte, meine Traurigkeit, meine Freude, meinen Wahnsinn. Freiheit begann für mich in dem Moment, als ich aufhörte, der Geiger sein zu wollen, der ich sein sollte, und anfing, der Musiker zu werden, der ich wirklich war.“

Was ist der Unterschied zwischen klassischer europäischer Musik und Weltmusik?

Malikian: „Für mich liegen die Unterschiede vor allem in den Traditionen, nicht in den Emotionen. Als Interpret finde ich es faszinierend, mich zwischen diesen Welten zu bewegen. Manchmal brauche ich die Disziplin einer Bach-Fuge, und manchmal brauche ich die Freiheit einer Melodie, die sich anfühlt, als wäre sie von einer Generation an die nächste weitergegeben worden. Ich glaube nicht, dass eine Tradition einer anderen überlegen ist.“

Damit scheinen die Grenzen zwischen klassischer europäischer und nahöstlichen Traditionen, zwischen osteuropäischer Volksmusik, Klezmer, Tango, Jazz und Flamenco für Sie nicht zu existieren.

Malikian: „Ich denke hin und wieder, dass musikalische Grenzen von Menschen erfunden wurden, die Musik in Schubladen einordnen müssen. Aber Musik kennt keine Schubladen! Ich wurde im Libanon als Sohn armenischer Eltern geboren. Ich wuchs auf, umgeben von unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Religionen und Klängen. Später studierte ich europäische klassische Musik, und schliesslich wurde Spanien zu meiner Heimat. Welche Art von Musik soll ich also spielen? Wenn ich Bach spiele, bin ich dann Europäer? Wenn ich eine armenische Melodie spiele, bin ich dann Armenier? Wenn ich Flamenco spiele, bin ich plötzlich Spanier? Und warum sollte ich Bach nicht wie ein Armenier spielen oder mich dem Flamenco mit der Seele und der Technik eines klassischen Musikers nähern? Ich glaube, genau dort entsteht die Magie.“

Sie betrachten Musik als universelle Sprache. Sie wollen Brücken bauen. Was heisst das?

Malikian: „Als Kind habe ich erlebt, wie leicht Menschen durch Religion, Nationalität, Sprache oder politische Überzeugungen voneinander getrennt werden können. Doch es veränderte sich etwas, wenn die Menschen Musik hörten. Musik besitzt diese aussergewöhnliche Fähigkeit, uns daran zu erinnern, dass wir, bevor wir Armenier, Libanesen, Deutsche, Spanier oder irgendetwas anderes sind, Menschen sind. Manchmal kann eine einfache Melodie eine Verbindung zwischen zwei Menschen schaffen, die ansonsten vielleicht nichts miteinander gemeinsam hätten. Genau das bedeutet es für mich, Brücken zu bauen: Nicht alle Menschen gleichzumachen, sondern zu entdecken, wie viel uns trotz unserer Unterschiede miteinander verbindet.“

Zur Person:

Ara Malikian wurde 1968 in Beirut geboren und hat armenische Wurzeln. Seine Kindheit ist geprägt vom libanesischen Bürgerkrieg. Mit 14 Jahren kam er nach Deutschland. In Hannover begann er als bis anhin jüngster Schüler an der Hochschule für Musik und Theater klassische Violine zu studieren. Dann setzte er seine Ausbildung an der Guildhall School of Music and Drama in London fort.

Doch später wurde ihm das klassische Repertoire zu eng. Er erweitere seine Musik mit nahöstlichen Traditionen, osteuropäischer Volksmusik, Klezmer, Tango, Jazz und Flamenco.

Malikian war Konzertmeister der Orquesta Sinfónica de Madrid, hat Filmmusik für Regisseure wie für Pedro Almodóvar oder Carlos Saura geschrieben, ist auf internationalen Konzertbühnen zu hören und hat rund 30 Alben veröffentlicht.

2024 erschien das Album „Intruso“, das er am (heutigen) Mittwoch in der Tonhalle Zürich (28.10.) zur Aufführung bringt. Malikain tritt auf zusammen mit den kubanischen Musikern Iván „Melón“ Lewis am Klavier, Dayan Abad an der Gitarre, Iván Ruiz Machado an Bass und Kontrabass sowie Georvis Pico Milán am Schlagzeug.