Spiel mit Apokalypse und Paradies auf der Theaterbühne in Bern
Diverses
Höfner Volksblatt  
24. Oktober 2026

Spiel mit Apokalypse und Paradies auf der Theaterbühne in Bern

Der deutsche Theaterregisseur Tilmann Köhler bringt unter dem Titel „Ewige Sonne“ bei den Bühnen Bern ein Gedankenexperiment auf die Bühne. Der Westschweizer Autor C.F. Ramuz hat ihm dafür mit zwei Romanen Pate gestanden.

In „Sturz in die Sonne“ und „Dorf im Himmel“ hat der Westschweizer Autor Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) literarisch durchgespielt, wie eine Gesellschaft und wie ein Individuum auf Tod und Endlichkeit reagieren. Köhler vereint die beiden Romane für einen Theaterabend.

Auf den ersten Blick sind „Sturz in die Sonne“ und „Dorf im Himmel“ zwei grundverschiedene Geschichten – das eine ist eine Dystopie, das andere eine Utopie. Ausgangslage in „Sturz in die Sonne“ ist, dass die Erde in die Sonne rast. Es wird immer heisser und am Ende steht unweigerlich der Tod aller Menschen. Im utopischen Roman „Dorf im Himmel“ wiederum steigen 300 Menschen aus ihren Gräbern; sie kehren zurück in ihr Dorf, in ihr Leben und das ohne Sorgen, Krankheiten oder Tod, als Gemeinschaft, in der einer dem anderen Gutes will.

„Unter dem Klima-Aspekt öffnet sich ‚Sturz in die Sonne‘ seltsam ins Heute“, sagt Tilmann Köhler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Der Roman „koppelt an die heutige Apokalypse an“. „Dorf im Himmel“ stelle die Frage, wie eine Welt ohne Leid wäre – und ob das überhaupt wünschenswert wäre.

Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) hat an beiden Büchern von den 1920er Jahren bis 1941 gearbeitet. Der Hitzesommer 1921 mit Temperaturen von über 38 Grad in Genf hat ihn zu „Sturz in die Sonne“ inspiriert. Der Autor hat seine Bücher immer wieder überarbeitet und parallel daran geschrieben.

Parabelhaft und universell

Den Theaterregisseur hat die Parabelhaftigkeit und die universelle Thematik der Endlichkeit interessiert, die er mit der Frage in verbunden sieht, wie ein Leben sinnvoll wird. „Das ist in beiden Büchern angelegt“, sagt Köhler. „Zudem stehen die Romane mit Hölle und Himmel einander gegenüber und gehören gleichzeitig zusammen.“ Deshalb hat er sich zusammen mit der Dramaturgin Felicitas Zürcher entschieden, beide Werke zu einem Theaterstück unter dem Titel „Ewige Sonne“ zusammen zu nehmen.

Dabei betont Köhler, dass er für seine Theaterarbeit die beiden Bücher nicht nur als aufeinander folgend betrachtet. Bei Ramuz ist als Möglichkeit angelegt, dass „Dorf im Himmel“ unmittelbar auf „Sturz in die Sonne“ folgt. Köhler will jedes für sich gelten lassen, weil sie dann auch „Fragen an uns heute stellen“.

Bei „Sturz in der Sonne“ sei der Anknüpfungspunkt über die heutige Klimakrise, „gerade nach dem letzten Sommer“ offensichtlich. „Dorf im Himmel“ beschreibe eine Welt, „die viel von unserer satten westlichen Welt hat, in der wir alle Risiken und Gefahren abzusichern versuchen und uns gleichzeitig nach unmittelbarem Erleben und überraschender Glückserfahrung sehnen“.

Zerfall und Zusammengehörigkeit

Auf der Bühne erzählt nun eine Gruppe von sieben Schauspielerinnen und Schauspielern von einer Gesellschaft, die im ersten Teil zerfällt und im zweiten zusammengehört. Um diesen Aspekt einer Gesellschaft zu verdeutlichen, ist ihm eine möglichst unterschiedliche Besetzung wichtig: Darstellende aus unterschiedlichen Generationen beispielsweise.

Weil Ramuz‘ Romane keine dialogischen Theatertexte, sondern erzählend sind, der Autor mit Sprache Bilder malt, sollen auch die Darstellenden auf der Bühne erzählen. „Dabei werden die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht als bestimmte Figuren eingeführt, sondern das ganze Ensemble spielt mit dem Publikum das Gedankenexperiment durch: im ersten Teil, ‚was wäre, wenn die Erde in die Sonne stürzt?‘ und im zweiten Teil, ‚was wäre, wenn die Toten auf einmal zum Leben erwachen?'“, sagt Köhler.

Dem Publikum will Köhler damit Assoziationen eröffnen, aber nicht eindeutige Bilder liefern. „Da sind sieben Menschen auf der Bühne, die dem Publikum etwas erzählen und immer stärker in ein szenisches Spiel gezogen werden. Aus körperlichem Spiel, Musik und Licht setzen sich assoziative Bilder zusammen“, so Köhler.

Minimalistisches Bühnenbild

Auch das minimalistische Bühnenbild aus blauen Quadern „ist ein Spielraum, der sich verwandeln kann, wird mal zum Berg, mal zur Wohnung oder mal zu einzelnen Häusern“. Und so soll der Abend ein „grosser Fluss sein, in dem sich das eine aus dem anderen ergibt“, verspricht Köhler.

Der Theaterregisseur, der die Dystopie und die Utopie durchspielen will, verweist dabei auf „das Besondere am Theater: es kann ein Experimentierraum für Gesellschaft sein“. Dafür eigneten sich die beiden Ramuz-Romane ganz besonders.

Premiere von „Ewige Sonne“ ist am 24. Oktober in der Vidmar 1 in Bern. In dem Titel klingen beide Romane an. Köhler erklärt den Titel als Wortspiel: die Sonne aus „Sturz in die Sonne“ und eine Anspielung an die Ewigkeit in „Dorf im Himmel“. Und, so Köhler: „Die Sonne spielt in beiden Texten eine grosse Rolle – einerseits ist sie Bedrohung und andererseits Lebensspenderin.“

Schweizer Prosaliteratur am Theater

„Ewige Sonne“ ist nicht die erste Arbeit von Tilmann Köhler in der Schweiz. 2021 war er an den Bühnen Bern mit „Von schlechten Eltern“ nach dem gleichnamigen Roman von Tom Kummer. Am Theater Basel hat er 2019 den Roman „Das grosse Heft“ von Agota Kristof inszeniert und 2017 die Novelle „Die Schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf.

Bemerkenswert an diesen Arbeiten ist, dass sich der 1979 in Weimar geborene freischaffende Theaterregisseur jedes Mal für Prosatexte entschieden hat, die von einer Autorin und Autoren aus der Schweiz geschrieben wurden. Seine Herangehensweise ist jeweils, „Bilder im Kopf der Zuschauenden entstehen zu lassen, die nichts festschreiben und stattdessen Assoziationsräume öffnen“, wie er sagt.

Die Entstehung von „Ewige Sonne“ beschreibt er als „kollektiven Prozess mit einem Team, das ich schon lange kenne“. Die Dramaturgin Felicitas Zürcher hat ihn auf die beiden Romane „Sturz in die Sonne“ und „Dorf im Himmel“ aufmerksam gemacht und auch die erste Fassung für die Bühne geschrieben. Mit ihr hat er zuvor am Staatsschauspiel Dresden das Schauspielstudio der Leipziger Schauspielschule Felix Mendelssohn Bartholdy geleitet.

Das Bühnenbild aus flexiblen blauen Quadern hat Karoly Risz entworfen. Mit ihm arbeitet Köhler seit über 20 Jahren zusammen. Auch mit der Kostümbildnerin Susanne Uhl, dem Musiker Matthias Krieg, dem Lichtdesigner Michael Gööck und der choreographischen Mitarbeiterin Gal Fefferman besteht seit langem ein Arbeitsverhältnis.

Köhler arbeitet regelmässig an zahlreichen Bühnen vor allem im deutschsprachigen Raum, zuletzt am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Staatsschauspiel Dresden oder am Schauspiel Bonn. Mit der Oper „Teseo“ von Georg Friedrich Händel gab er 2013 an der Oper Frankfurt zudem sein Debüt als Opernregisseur, dem weitere Arbeiten im Musiktheater folgten.