Die Schaltsekunde verliert wohl ihren Platz im Takt der Zeit
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Höfner Volksblatt  
14. Oktober 2026

Die Schaltsekunde verliert wohl ihren Platz im Takt der Zeit

Die Schaltsekunde hat wohl bald ausgetickt. Grund ist die Gefahr einer „negativen“ Schaltsekunde, die weltweit Computersysteme stören könnte. Die finale Bestätigung soll am Donnerstag im französischen Versailles erfolgen.

Auch die Schweiz wirkt an der Neuregelung mit. Das Bundesamt für Metrologie (Metas), das für die offizielle Schweizer Zeit zuständig ist, beteiligt sich an den internationalen Arbeiten, wie es auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erklärt.

Eine Schaltsekunde ist eine zusätzliche Sekunde, die gelegentlich in die Weltzeit eingefügt wird, damit die Uhrzeit mit der tatsächlichen Drehung der Erde übereinstimmt. Quasi eine „Mini-Zeitumstellung“.

Erde dreht sich nicht gleichmässig

Die Zeitmessung war während Jahrhunderten an die Rotation der Erde um ihre eigene Achse gebunden. Allerdings ist die Rotationsgeschwindigkeit der Erde nicht konstant. Sie wird unter anderem durch die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne beeinflusst, aber auch durch Vorgänge im Erdinnern und Veränderungen in der Verteilung von Wasser und Eis. Atomuhren hingegen messen die Zeit äusserst konstant.

Damit diese zwei Zeiten nicht auseinanderdriften, wurde festgelegt, dass die koordinierte Weltzeit (UTC) höchstens 0,9 Sekunden von der durch die Erdrotation bestimmten astronomischen Zeit abweichen darf. Wird diese Grenze erreicht, wird eine Schaltsekunde eingefügt, um die beiden Zeitskalen wieder anzugleichen. Seit 1972 ist dies 27-mal geschehen, zuletzt 2016.

Negative Schaltsekunde könnte zur Gefahr werden

Aber warum soll die Schaltsekunde jetzt abgeschafft werden? Lange Zeit drehte sich die Erde etwas zu langsam, weshalb die Atomzeit der Erdrotation davonzulaufen drohte. In den vergangenen Jahren hat sich die Erdrotation allerdings zeitweise beschleunigt. Deshalb könnte erstmals eine negative Schaltsekunde nötig werden: Statt eine Sekunde einzufügen, müsste eine ausgelassen werden.

Dies würde „ein völlig neues Ereignis darstellen“, heisst es vom Metas. Viele Systeme seien ausschliesslich für den Fall einer positiven Schaltsekunde entwickelt und getestet worden. Die Reaktionen bestimmter Hard- und Softwaresysteme, die auf ein solches Szenario nicht vorbereitet sind, seien „potenziell unvorhersehbar“, so das Metas. „Betroffen sein könnten Telekommunikationssysteme, Computernetzwerke, gewisse Finanzmarktinfrastrukturen oder industrielle Anwendungen, die auf eine genaue Zeitsynchronisation angewiesen sind.“

Aus diesem Grund suche die internationale Gemeinschaft nach Lösungen. Eine mögliche Abschaffung der Schaltsekunden würde gewisse technische Aspekte der Zeitverbreitung vereinfachen, heisst es vom Metas auf Anfrage. Anstatt 0,9 Sekunden Abweichung zwischen der Weltzeit und der astronomischen Zeit sollen künftig 3600 Sekunden – eine ganze Stunde – Abweichung erlaubt sein.

Für die Bevölkerung kaum spürbar

Im Alltag dürfte die Abschaffung der Schaltsekunde kaum auffallen. „Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung würde der Ersatz der Schaltsekunde durch eine Schaltstunde völlig unbemerkt bleiben“, so das Metas.

Der Unterschied zwischen der Zeit der Erdrotation und jener der Atomuhren sei sehr klein. „Über einen Zeitraum von hundert Jahren würde die Abweichung lediglich einige Dutzend Sekunden betragen. Eine solche Differenz ist im Alltag nicht wahrnehmbar und hat für die meisten Anwendungen keine praktischen Konsequenzen“ so das Metas. „Die Sonne wird beispielsweise auch künftig praktisch mit derselben Genauigkeit wie heute um die lokale Mittagszeit ihren höchsten Stand erreichen.“

Eine Abschaffung der Schaltsekunde bedeute ausserdem nicht, dass man die Verbindung zwischen der Zeit auf unseren Uhren und den astronomischen Phänomen aufgebe. „Vielmehr verschiebt sie die Notwendigkeit allfälliger grösserer Anpassungen in eine sehr ferne Zukunft“, heisst es vom Metas. „Künftige Generationen werden damit mehrere Jahrhunderte Zeit haben, um zu entscheiden, wie mit dieser allmählich zunehmenden Differenz am besten umzugehen ist.“