Wie das Swissair-Grounding die Arbeit einer Gewerkschafterin prägt
Mit der Einbindung in den Lufthansa-Konzern scheint die Schweizer Luftfahrt im wirtschaftlichen Sinne „gerettet“. Verdaut hat Gewerkschaftspräsidentin Sandrine Nikolic-Fuss das Grounding vor 25 Jahren deshalb noch lange nicht.
Für Nikolic-Fuss hatte der 2. Oktober 2001 „etwas völlig Unwirkliches“. Im sechsten Monat schwanger war die frühere Swissair-Angestellte an dem Tag nicht im Flugeinsatz. Sie erlebte das Grounding vom Boden aus.
„Natürlich hatte es zuvor immer mehr Warnzeichen gegeben“, erinnert sich die heutige Präsidentin der Gewerkschaft des Kabinenpersonals in der Schweiz (Kapers) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Als dann nach 16 Uhr tatsächlich alles stillstand, hatte sie es dennoch nicht glauben können.
„Die Flugzeuge blieben am Boden, Passagiere strandeten irgendwo auf der Welt, und Besatzungen wussten nicht, wie es weitergehen sollte“, erzählt Nikolic-Fuss. Was sich da wie ein Albtraum vor ihren Augen abspielte, das war mehr als der Zusammenbruch eines x-beliebigen Unternehmens: Mit der Swissair sei ein nationales Symbol eingestürzt, in dem sich die Schweiz lange selbst erkannt habe.
Die Angestellten hätten dabei ihre berufliche Heimat verloren, ordnet sie rückblickend ein. „So etwas „verdaut“ man nicht einfach“. Auch Jahre später noch konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, von der Schweiz im Stich gelassen worden zu sein.
Die Marke allein macht’s nicht
„Wer den 2. Oktober 2001 erlebt hat, weiss, wie schnell etwas, das unerschütterlich scheint, zusammenbrechen kann“, sagt sie. Im entscheidenden Moment hätten auch der persönliche Einsatz und eine jahrelange Loyalität die Angestellten nicht schützen können. Nikolic-Fuss spricht von einer Zäsur – einer Erfahrung, die ihre Arbeit als Gewerkschafterin prägt.
Mit der Einbindung in den Lufthansa-Konzern scheint die Schweizer Luftfahrt im wirtschaftlichen Sinne „gerettet“. Seit dem Grounding sei Angestellten aber schmerzlich bewusst: Weder wirtschaftlicher Erfolg noch eine starke Marke garantierten sichere Arbeitsplätze und verlässliche Arbeitsbedingungen, sagte sie.
Seit 2001 hat sich viel verändert: Die Branche leidet unter äusseren Krisen und ist einem erheblichen Kosten- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt, wie die Gewerkschaftspräsidentin weiss. Dabei gerieten gewachsene Arbeitsbedingungen und tarifliche Strukturen zunehmend unter Druck.
Mehr als eine Airline
Natürlich sei damals nicht alles besser gewesen, gab die Kapers-Präsidentin offen zu. Es habe aber ein starkes Bewusstsein für den Wert von gut ausgebildetem, erfahrenem Personal gegeben.
Bei der Swissair „war man nicht einfach nur angestellt“, erinnerte sie sich, man „fühlte sich als Teil eines Unternehmens, einer Geschichte und einer besonderen Berufskultur“. Laut Nikolic-Fuss hat sich das in den 25 Jahren seit dem Grounding spürbar verändert.
Von aussen werde die Arbeit von Flight Attendants häufig auf den Service an Bord reduziert. Was das Kabinenpersonal sonst noch leiste – Evakuierungen durchführen, Brände bekämpfen, medizinische Ersthilfe leisten und kritische Entscheidungen treffen – gehe dabei oft vergessen.
Als sie bei der Swissair anfing, habe sie sich ein Leben als Flugbegleiterin noch vorstellen können – heute müsste sie wohl länger darüber nachdenken.
Ein Beruf für die Zukunft?
Die unregelmässigen Arbeitszeiten, die gesundheitliche Belastung, die schwierige Vereinbarkeit mit der Familie und die Entwicklung von Löhnen und Arbeitsbedingungen seien nicht zu unterschätzen. Dabei bleiben die Anforderungen an die Angestellten hoch. Kaum ein Arbeitstag gleicht dem anderen.
An Bord muss das Kabinenpersonal auf engem Raum zusammenarbeiten und auch in schwierigen Situationen Ruhe bewahren, flexibel bleiben und sich auf einander verlassen können, wie Nikolic-Fuss aus Erfahrung weiss. Dabei entstehe aber auch eine ganz besondere Form von Solidarität und Teamarbeit.
Der Beruf habe ihr Leben geprägt, erzählt sie rückblickend, und habe darüber hinaus ihren Horizont erweitert. Sie erinnert sich an die Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, das Arbeiten in internationalen Teams und „die unmittelbare Erfahrung der Welt“.
Würde sie ihren Beruf also heute wieder wählen? Mit dem Herzen würde die ehemalige Swissair-Angestellte sofort „Ja“ sagen. Nach längerem Nachdenken landet sie dann bei „wahrscheinlich“. Die Unbeschwertheit von damals sei weg.
Als Gewerkschafterin will Nikolic-Fuss deshalb dafür kämpfen, dass man diese Entscheidung auch in Zukunft mit Überzeugung treffen kann.
