Genres und Generationen treffen in Montreux aufeinander
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Höfner Volksblatt  
7. Juli 2026

Genres und Generationen treffen in Montreux aufeinander

Von Vittoria Burgunder (Keystone-SDA), Montreux

Das 60. Montreux Jazz Festival hat die ersten Tage hinter sich. Bereits der Festivalstart hat bewiesen, dass der zweiwöchige Anlass längst über die Musik hinausgeht.

Das Eröffnungswochenende hat das zweiwöchige Musikfestival an der Waadtländer Riviera bestritten – und dabei stilistisch so alles Denkbare abgedeckt. Alleine Raye hat die musikalische Vielfalt von Jazz, Soul, R’n’B, Vocal Pop und orchestralen Elementen mitgebracht. Mit Alicia Keys und Mark Ronson als Überraschungsgäste sorgte die britische Musikerin ausserdem für den hochkarätigen Starfaktor.

Nostalgiker versorgt Montreux weiterhin mit Acts, zu denen es eine langjährige Beziehung pflegt. Mit dem neunten Konzert von Sting etwa, der am Samstag in seinem Trio unter anderem Neuinterpretationen der Songs von The Police spielte.

Am Sonntagabend folgte der Singer-Songwriter Nick Cave, der sich – typisch für seine transzendent anmutenden Konzerte der vergangenen Jahre – immer wieder langsam auf die ausgestreckten Arme des Publikums senken liess. Gemeinsam mit seiner Band The Bad Seeds füllte er das Auditorium Stravinski im neuen Kongresszentrum. Zwischen seinen Balladen und wuchtig-bluesigen Gothic-Rock-Stücken sagte er immer mal wieder: „Fucking Montreux!“. Am Ende flossen unter den Zuschauenden sogar Tränen, als Nick Cave als letzte Zugabe am Klavier die Liebesballade „Into My Arms“ spielte.

Kaviar und Pizza

Im neuen Kongresszentrum, wo diese Festival-Headliner auftreten und die Konzerte kostenpflichtig sind, herrscht nach wie vor ein andere Atmosphäre, als draussen, wo die kostenlosen Konzerte entlang des Seeufers stattfinden. Im Kongresszentrum befindet sich etwa die Caviar House Seafood Bar, im Aussenbereich des Festivalgeländes steht dagegen Streetfood wie Kebab, Hot-Dog, Pizza auf dem Menü.

Für Feriengefühle sorgen die Gratiskonzerte an der Seepromenade. Der französische Indie-Rocker James Baker verband am zweiten Festivaltag verzerrte Gitarrenriffs, Schlagzeug und elektronische Beats mit der stimmungsvollen Kulisse des Sonnenuntergangs. In Montreux trifft sozusagen raue Punk-Attitüde auf sommerliche Romantik.

Von der Ausstellung im Luxushotel…

Unweit der Seepromenade sammeln sich Luxuswagen vor dem Fairmont Le Montreux Palace. Im edlen Hotel finden vereinzelte Besuchende Abkühlung und eine Pause vom Trubel. Die zweiteilige Jubiläumsausstellung „Putting Montreux on the Map“ zeigt hier, wie ein Städtchen am Genfersee zumindest für einmal im Jahr zum wichtigen Hotspot für die internationale Musikszene wurde.

Alte Festivalposter fallen im ersten Ausstellungsteil ins Auge, etwa jenes, das der kalifornische Künstler Keith Haring für die Ausgabe von 1983 entwarf. Oder eines, das Haring 1986 zusammen mit Pop-Art-Ikone Andy Warhol für das Montreux Jazz Festival gestaltete und für das Detroit Jazz Festival verwendet wurde. Es zeigt Harings tanzende Figuren auf Warhols gezeichneten Notenlinien.

Dies sei Sinnbild dafür, dass das Montreux Jazz Festival über die Musik hinausgehe, so die Ausstellungskuratorin Stéphanie Aloysa Moretti. Die Historikerin arbeitet als Bookerin für das Festival und hat die Schau kuratiert.

Erstmals erhält die Öffentlichkeit hier Einblick in einen Vertrag von 1976 zwischen dem Festival und Nina Simone. Insgesamt kam die US-Amerikanerin viermal nach Montreux, der Auftritt von 1976 blieb jedoch der bedeutungsvollste und hat Legendenstatus. Der Vertrag zeugt davon, dass sie für ihren damaligen Auftritt ein Gage von 2000 Franken erhielt – und eine Schweizer Uhr in bester Qualität, wie es die Jazz- und Soullegende gemäss Dokument verlangte. Welche Uhr man ihr für den Auftritt gab, wisse man leider nicht, sagt Moretti.

Im zweiten Raum lassen sich vergangene Konzerte des Montreux Jazz Festivals über Bildschirme erneut erleben. Besonders ist hier die Möglichkeit, mithilfe von Virtual-Reality-Brillen sechs weitere virtuelle Ausstellungsräume zu betreten, die Zugang zum Bild- und Tonarchiv des Festivals bieten. Die immersive Inszenierung sorgt dabei für ein beinahe komisches Bild: Mit den VR-Brillen auf dem Kopf bewegen sich Besuchende durch den edlen Raum der Belle-Époque.

… zur Strasse als Bühne

Wenige Stunden später, in der Nacht, zeigt sich vor dem Hotel ein anderes Bild. Junge Menschen ziehen durch die Strassen auf der Suche nach der nächsten Party. Andere sitzen zu dritt auf dem Trottoir und verfolgen auf einem Smartphone eine Partie der Fussballweltmeisterschaft.

Mitunter nimmt das Geschehen auch mal skurrile Züge an. Etwa als ein Youtuber mitten auf der Strasse einen Klapptisch aufstellt, sich mit Streaming-Ausrüstung vor den Laptop setzt und zu senden beginnt. Während Nachtbusse links und rechts an ihm vorbeifahren, versammelt sich innerhalb kürzester Zeit eine Traube junger Menschen um den Influencer und stellen sich selbst ins Videobild. „I am gonna be famous!“ – „Ich werde berühmt sein!“ -, freut sich eine junge Frau, die sich hinter den Streamer stellt und in die Kamera winkt. Wenig später erscheint die Polizei und bittet den jungen Mann, die Strasse freizumachen.

Fans von nah und fern

Das Eröffnungswochenende hat das 60. Montreux Jazz Festival hinter sich. Noch bis zum 18. Juli dauern die Konzerte an. Für die kostenpflichtigen Shows im Kongresszentrum kommen weiterhin Fans von nah und fern, auch mal nur für einen Abend, an den Genfersee.

Andere schauen spontan beim Gratisprogramm vorbei, das grosses Potenzial für Neuentdeckungen birgt und hochkarätige Musikerinnen aus Rock, Jazz, Rap oder Neosoul sowie DJs aus der internationalen und Schweizer elektronischen Szene zu bieten hat. Und selbst wer sich nach Ibiza sehnt, findet es in Montreux.