Kaum Fortschritte bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung
Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz hat in den letzten drei Jahren kaum Fortschritte gemacht. Eine neue Studie zeigt: Vier von fünf Betroffenen fühlen sich in mindestens einem Lebensbereich stark ausgeschlossen.
Mit dem Index könne erstmals die zeitliche Entwicklung der Inklusion abgebildet werden, teilte die Organisation Pro Infirmis am Freitag mit. Sie publizierte ihren zweiten Inklusionsindex, eine repräsentative Studie, die auf der Befragung von über 2200 Betroffenen basiert.
Die Ergebnisse daraus seien enttäuschend, denn seit der ersten Erhebung im Jahr 2023 hätten kaum Verbesserungen festgestellt werden können. Laut Pro Infirmis werden die rund 1,7 Millionen Menschen mit Behinderung in der Schweiz immer noch weitgehend ausgeschlossen.
Die Hindernisse und Herausforderungen, denen Menschen mit Behinderung täglich ausgesetzt sind, stehen Pro Infirmis zufolge jedoch in einem Kontrast zur Gesamteinschätzung der Betroffenen selbst: Im Rückblick stellten 38 Prozent der Befragten eine Verbesserung fest, 22 Prozent eine Verschlechterung. Ein Drittel sah keine Veränderung der Situation.
Befragte werden in wichtigen Lebensbereichen behindert
In den Lebensbereichen Politik, Arbeit und Mobilität stellte die Studie besonders grosse Hürden fest. Knapp drei Viertel der Befragten fühlen sich politisch nicht ausreichend vertreten. Im Arbeitsleben schätzten vier von fünf Personen ihre Chancen auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt als schlecht ein. Zudem gaben zwei von fünf Menschen an, den öffentlichen Verkehr nur eingeschränkt nutzen zu können.
Auch in anderen Bereichen gab es erhebliche Einschränkungen. Rund zwei Drittel der Menschen mit Behinderungen berichteten von Einschränkungen bei Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Im Bereich Kultur, Sport und Freizeit gaben zwei von fünf Personen an, wegen Barrieren an der Teilhabe von Kultur-, Sport- und Freizeitangeboten gehindert worden zu sein.
Die Mehrheit scheint mit der aktuellen Wohnsituation zufrieden zu sein. Bei der Suche nach geeignetem Wohnraum stellte die Studie bei der Hälfte der Betroffenen Herausforderungen fest. Im Bereich der sozialen Beziehungen berichtete rund ein Drittel von Schwierigkeiten beim Knüpfen und Pflegen von Freundschaften oder Partnerschaften. Viele berichteten von Ängsten und Unsicherheiten. Besonders gross sei dabei die Sorge, für andere eine Belastung zu sein.
Der Studie zufolge kennt rund jeder vierte Mensch mit Behinderungen das Gefühl, rechtlich nicht gleich behandelt zu werden wie Menschen ohne Behinderungen. Jeder Dritte fühlt sich im Schweizer Gesundheitssystem diskriminiert. Die geringsten Einschränkungen wurden im Bereich Information und Kommunikation festgestellt.
Handlungsbedarf bei Bund und Kantonen
Die Studie zeige, „dass Inklusion im Alltag von Menschen mit Behinderungen noch lange nicht fest verankert ist“, liess sich Manuele Bertoli, Co-Präsident von Pro Infirmis, in der Mitteilung zitieren.
Der Handlungsbedarf bei Bund und Kantonen sei riesig. Die Schweiz habe sich 2014 mit der Ratifizierung der UNO-Behindertenrechtskonvention zu einer inklusiven Gesellschaft verpflichtet, liege aber noch weit hinter den Zielen zurück.
