Thuner blicken dem ersten Matchball entgegen
Sport
25. April 2026

Thuner blicken dem ersten Matchball entgegen

Elmin Rastoder und Leonardo Bertone, die Meisterrunde beginnt, doch der Champion steht eigentlich schon fest: Mit einem Sieg am Samstag holen Sie den ersten Meistertitel der Klub-Historie. Was löst diese Aussicht in Ihnen aus?

Elmin Rastoder: «Wenn ich nur daran denke, bekomme ich Hühnerhaut. Wir haben die gesamte Saison auf diesen Moment hingearbeitet. Ein Vorsprung von 14 Punkten fünf Runden vor Schluss unterstreicht unsere Qualität. Jetzt liegt es an uns, den letzten Schritt zu machen.»

Leonardo Bertone: «Ich empfinde grossen Stolz auf die Mannschaft, den Verein, aber auch auf mich selbst. In der Challenge League wurden wir lange belächelt, man warf uns vor, keinen attraktiven Fussball zu spielen. Dieses Jahr haben wir die Super League dominiert. Darauf dürfen wir stolz sein, denn wir haben immer an uns geglaubt.»

Mit dem FC Lugano ist jedoch das – neben dem Promotion-Ligisten Breitenrain – einzige Team zu Gast, das in dieser Saison eine positive Bilanz gegen Sie vorweist. Was erwartet Sie?

Rastoder: «Lugano ist spielstark und individuell sehr gut besetzt. Allerdings war die 0:1-Niederlage im letzten Heimspiel äusserst unglücklich. Eigentlich hätten wir diese Partie gewinnen müssen.»

Bertone: «Lugano lebt von der Tagesform ihrer Einzelspieler. An einem guten Tag sind sie überragend, an einem normalen Tag sind sie jedoch verwundbar. Wir müssen ‚giftig‘ auftreten, das behagt ihnen nicht. Wenn wir unsere Aggressivität auf den Platz bringen, werden wir die Bilanz ausgleichen.»

Der Kreis könnte sich schliessen: Ende Juli eröffnete der FC Thun die Saison mit einem 2:1-Sieg gegen Lugano. Sie, Leonardo Bertone, erzielten damals beide Tore. War das der Moment, in dem der Funke schon übersprang?

Bertone: «Es ist noch viel früher passiert. Wir haben bereits in der Challenge League Testspiele gegen Super-Ligisten bestritten und gemerkt, dass wir mithalten können. Auch wenn das keine Ernstkämpfe waren, sahen wir, dass der Unterschied nicht gross ist. Aber klar: Der Auswärtssieg zum Saisonstart in Lugano gegen einen Titelkandidaten hat uns enormes Vertrauen gegeben.»

Sollten die drei Punkte am Samstag ausbleiben, könnte der «Titel auf dem Sofa» am Sonntag folgen. Dafür ist bereits ein Public Viewing in der Stockhorn Arena geplant…

Rastoder: «…aber wir bevorzugen definitiv die sportliche Entscheidung auf dem Rasen. Es ist ein Heimspiel, das Stadion ist ausverkauft. Es wäre wunderschön, den Titel direkt mit den Fans zu feiern.»

Wie nehmen Sie die aktuelle Stimmung in Thun wahr?

Rastoder: «Einfach super. Wenn wir in der Stadt essen gehen, kommen ständig Leute auf uns zu, um zu gratulieren. Man sieht die Freude in ihren Augen, das motiviert mich enorm.»

Man sagt den Menschen im Berner Oberland nach, eher ruhig und zurückhaltend mit Euphorie umzugehen. Stimmt das?

Bertone: «Das stimmt. Es ist hier sehr beständig – in beide Richtungen. Als es in meinem ersten Jahr nicht gut lief, herrschte keine Panik. Und jetzt freuen sich zwar alle, bleiben aber bescheiden. Diese Mentalität zeichnet die Region aus: Wir haben in Ruhe gearbeitet und uns Schritt für Schritt entwickelt.»

Der Erfolg des FC Thun sorgt international für Schlagzeilen. Welche Anfragen haben Sie erreicht?

Bertone: «Es gab Anfragen aus den USA, England, Italien und auch ein deutsches Medienteam war hier. Es ist toll, dass unsere Arbeit auch weit über die Landesgrenzen hinaus wertgeschätzt wird.»

Nach dem letzten Sieg ärgerte sich Trainer Mauro Lustrinelli darüber, dass Thun oft auf «Kick-and-Rush» reduziert wird. Finden Sie das auch unfair?

Rastoder: «Wenn jeder Gegner meint zu wissen, wie wir spielen, es aber trotzdem niemand verteidigen kann, muss wohl mehr dahinterstecken als nur lange Bälle.»

Bertone: «Eigentlich ist es ein Kompliment. Es hiesse ja, dass wir dieses System perfektioniert haben. Von aussen mag es simpel aussehen, aber wir wissen genau, wo jeder Ball landen muss. Wenn die Gegner kein Mittel dagegen finden, müssen sie sich eher selbst hinterfragen.»

Sie erwähnten einmal, dass die taktischen Vorgaben anfangs schwer umzusetzen waren.

Bertone: «So vertikal zu spielen und mit dieser Wucht den Abschluss zu suchen, war für viele neu. Auch als Profi denkt man oft, Fussball müsse ’schön‘ sein – mit viel Ballbesitz und Kurzpässen. Aber mit diesem Stil sind wir früher oft ins offene Messer gelaufen. Seit wir konsequent umgestellt haben, gewinnen wir.»

Als Aufsteiger galt Thun automatisch als Abstiegskandidat. Trotzdem sagte Ihr Trainer vor dem ersten Saisonspiel: «Die Gegner sind stärker als letztes Jahr. Na und? Lasst uns schauen, was wir mit unserem Spiel herausholen können.» War dieser Fokus auf die eigene Stärke der Schlüssel?

Rastoder: «Definitiv. Wir hatten kaum personelle Wechsel und einen klaren Plan. Wir wussten: Wenn wir unser Spiel durchziehen, hat jeder Gegner Probleme.»

Bertone: «Wir kamen mit der Ambition in die Super League, uns mit den Besten zu messen. Wir sind konsequent geblieben, haben unseren Stil durchgedrückt und sind so in einen Flow gekommen. Wir hatten vor niemandem Angst.»

Zuerst konnten Sie befreit aufspielen, doch mit dem wachsenden Vorsprung stieg sicher auch die Erwartungshaltung. Wie hat sich der Druck verändert?

Bertone: «Viele haben darauf gewartet, dass wir einbrechen. Aber wir sind unbekümmert geblieben. In der Kabine sind wir wie beste Freunde, da gerät so leicht nichts ins Wanken. Während die halbe Liga über den Titel sprach, haben wir uns einfach auf die tägliche Arbeit konzentriert. Der Druck lag eher bei der Konkurrenz.»

Wie gehen Sie persönlich mit der Anspannung vor so einem wichtigen Spiel um?

Bertone: «Früher habe ich viel mit Entspannungstechniken experimentiert, mich darin aber manchmal fast verloren. Heute versuche ich einfach, den Moment zu geniessen. Wenn mir das gelingt, bringe ich meine beste Leistung.»

Rastoder: «Bei mir ist es ähnlich. Je mehr ich versuche zu meditieren, desto verkrampfter werde ich. Ich brauche die gewohnte Routine. Am Spieltag treffen Leo und ich uns oft zum Essen, trinken einen Kaffee und quatschen, bevor wir nach Thun fahren. Dort spielen wir mit den Jungs oft Karten. Der Fokus wird erst geschärft, wenn wir das Stadion betreten.»

Elmin Rastoder, welche Rolle spielt Leonardo Bertone als Taktgeber und erster Ersatzcaptain für diesen Erfolg?

Rastoder: «Zuerst einmal etwas Persönliches: Wir fahren seit gut eineinhalb Jahren täglich zusammen zum Training. Er hat mir als Mentor enorm viel mitgegeben. Dass ich persönlich so eine starke Saison spiele, verdanke ich auch ihm. Für das Team gilt: Wenn Leo in der Kabine spricht, ist es komplett still. Was er sagt, hat immer Hand und Fuss.»

Mit 19 Torbeteiligungen sind Sie einer der Topskorer der Liga. Sie sind 24 Jahre alt, es wird über einen Wechsel ins Ausland spekuliert. Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Rastoder: «Es ist alles offen. Mein Vertrag in Thun läuft bis 2028. Aktuell zählt für mich nur der Samstag und der Titel. Alles andere kommt danach.»

Leonardo Bertone, was raten Sie Ihrem Teamkollegen für seine Zukunft?

Bertone: «Ich muss aufpassen, dass ich keinen Ärger mit dem Verein bekomme. Aber im Ernst: Jeder Fussballer muss seine Chance nutzen. ‚Rasto‘ hat enorme Qualitäten und einen riesigen Sprung gemacht. Er kann in jeder Liga bestehen. Er soll jetzt den Moment geniessen, in den letzten Spielen Vollgas geben und der Rest wird sich ergeben.»

Sie sind 32 Jahre alt, Ihr eigener Vertrag läuft bis 2027. Bleiben Sie?

Bertone: «Auch hier gilt: Die letzten fünf Spiele zählen, danach schauen wir weiter.»

Mauro Lustrinelli ist in seiner vierten Saison. Wie schafft er es, das Team immer noch so zu erreichen?

Rastoder: «Ich bin erst zwei Saisons hier, kann aber sagen: Er hat uns zu einer Einheit geformt. Auf dem Platz ist er kompromisslos und verlangt 100 Prozent. Aber er legt auch viel Wert auf das Zwischenmenschliche. Im Winter waren wir nicht klassisch im Trainingslager am Strand, sondern in einer Berghütte. Erst gestern (Mittwoch) hat er uns alle zum Mittagessen eingeladen. Solche Gesten schweissen zusammen.»

Leonardo Bertone, wie Lustrinelli sind Sie seit 2022 dabei. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf die vier Jahre zurückblicken?

Bertone: «Sehr viel. Ich war Mauros erster Transfer. Er sagte mir damals am Telefon: ‚Ein Trainer wird an seinem ersten Transfer gemessen, deshalb will ich dich.‘ Nach einem schwierigen Start mit einigen Reibereien haben wir den gemeinsamen Nenner gefunden. Seither ging es für mich persönlich und für den gesamten Verein nur noch aufwärts.»

Gibt es einen speziellen Moment, der hängengeblieben ist?

Bertone: «Es war nicht besonders speziell, aber als wir als Challenge-Ligist ein Testspiel in Basel hatten, haben wir uns in den Katakomben angeschaut und uns gesagt: ‚Hier wollen wir spielen. Das sind unsere Partien.‘ Und als wir nach dem Aufstieg erstmals wieder im St. Jakob-Park waren, war das eine riesige Genugtuung für uns beide. Und das wollen wir jetzt erfolgreich beenden.»

Was würde Ihnen die Meisterschaft persönlich bedeuten?

Rastoder: «Gestern kamen mir fast die Tränen, als ich darüber nachgedacht habe. Ich hatte keine einfache Zeit und konnte mich erst hier in Thun richtig durchsetzen. Schon der Aufstieg war unbeschreiblich. Die Aussicht, jetzt Schweizer Meister zu werden, löst Emotionen aus, die ich kaum in Worte fassen kann.»

Bertone: «Mir bedeutet es ebenfalls extrem viel. Ich war an einem Punkt, an dem andere vielleicht aufgegeben hätten, aber ich habe an mich geglaubt. So geht es vielen bei uns: Fast jeder Spieler kam zum FC Thun, um sich neu zu beweisen. Das haben wir als Team geschafft und jetzt ernten wir die Früchte.»

Der FC Thun steht als Gegenentwurf zur Idee, dass nur Geld Erfolg garantiert. Ein Vorbild für andere?

Rastoder: «Absolut. Niemand hatte uns auf der Rechnung, viele haben uns als Abstiegskandidaten gesehen. Jetzt stehen wir mit riesigem Vorsprung oben. Wir haben gezeigt, was mit Mentalität und Teamgeist möglich ist.»

Bertone: «Ich hoffe, dass andere Klubs das Thema Kontinuität neu bewerten. Wenn man einem Trainer vertraut, muss man ihm Zeit geben. Wir sind das beste Beispiel. Heute fehlt vielen Teams ein klares Gesicht, weil zu viel gewechselt wird und dann verschiedenen Ideen aufeinanderprallen. Geld ist wichtig, aber Geld allein gewinnt keine Titel.»