Wout van Aert schlägt Pogacar und gewinnt Paris-Roubaix
Es ist ein fast schon ungewohntes Bild, Tadej Pogacar nicht als Sieger über die Ziellinie fahren zu sehen. Seit seiner erfolgreichen Titelverteidigung an der WM im letzten September musste er sich nicht mehr geschlagen geben. Acht Rennen, acht Siege – alle verbunden mit grossem Prestige.
Eine Woche nach seinem dritten Triumph bei der Flandern-Rundfahrt strebte der slowenische Ausnahmekönner am Sonntag bei Paris-Roubaix nach einem weiteren Meilenstein. Im prestigeträchtigsten Eintagesrennen des Kalenders hatte er alles versucht, trotz mehrerer Defekte drei Velowechsel gemeistert, am Ende reichte es dennoch knapp nicht. Nach einer 258 km langen Tortur über total 30 Pavé-Sektoren hatte Pogacar im Velodrom von Roubaix im Sprint gegen den belgischen Klassiker-Spezialisten Wout van Aert letztlich das Nachsehen.
Van Aerts emotionaler Sieg
Der 31-jährige Van Aert feierte damit seinen ersten Sieg bei der «Königin der Klassiker» und der zweite bei einem der fünf grossen Eintagesrennen nach Mailand-Sanremo 2020. Für den zehnfache Etappensieger der Tour de France ist dieser grösste Erfolg der Karriere ein besonders emotionaler. «Das bedeutet mir alles. Das ist ein Ziel seit 2018, als ich das erste Mal hier gefahren bin. Vor acht Jahren habe ich in dem Rennen meinen Teamkollegen Michael Goolaerts verloren. Seitdem war es mein Ziel, hierherzukommen und den Finger in den Himmel zu strecken. Dieser Sieg ist für Michael, vor allem auch für seine Familie», sagte ein sichtlich bewegter Van Aert. Goolaerts hatte damals während des Rennens einen Herzinfarkt erlitten.“
Auf dem Weg zum Sieg musste Van Aert Schwerstarbeit leisten. Pogacar versuchte auf dem Kopfsteinpflaster alles, um den Belgier abzuhängen, nachdem dieser 50 km vor dem Ziel eine Attacke gesetzt hatte, der nur der Weltmeister hatte folgen können. Doch am Ende fehlte Pogacar die Spritzigkeit. «Ich hatte noch Hoffnung auf den Sprint, aber meine Beine waren wie Spaghetti», meinte ein völlig ausgepumpter Slowene im Ziel.
Der verpasste Grand Slam
Als Zweiter – wie schon bei seiner Premiere im Vorjahr – muss der vierfache Tour-de-France-Sieger auf einen weiteren Eintrag in die Geschichtsbücher warten. Eddy Merckx, Rik van Looy und Roger De Vlaeminck bleiben die einzigen Fahrer, die alle fünf Monumente des Radsports gewinnen konnten. Auch der «Grand Slam» – alle fünf Monumente in einem Kalenderjahr für sich zu entscheiden – blieb dem Slowenen somit verwehrt.
Paris-Roubaix bleibt das Rennen der vielen Unwägbarkeiten. Auch in diesem Jahr entwickelte sich die Fahrt durch die «Hölle des Nordens» zu einer wahren Materialschlacht. Mit den ersten Pavé-Sektoren begannen die Defekte, praktisch alle grossen Namen waren betroffen. Neben Pogacar auch Van Aert und der zuletzt in Roubaix dreimal siegreiche Mathieu van der Poel.
Den Niederländer erwischte es im berüchtigten Wald von Arenberg besonders hart. Durch seinen Reifenschaden büsste er über zwei Minuten ein. Er kam nach einer langen Aufholjagd zwar nochmals bis auf 18 Sekunden an das Führungsduo heran, musste sich am Ende aber hinter dem Belgier Jasper Stuyven mit Platz 4 begnügen.
Bissegger erneut stark
Stefan Bissegger, im Vorjahr als Siebter bereits bester Schweizer, zeigte erneut ein starkes Rennen. Der Thurgauer erreichte das Ziel 20 Sekunden hinter dem Sieger in der ersten Verfolgergruppe, die um den 3. Platz sprintete. Am Ende fehlten Bissegger die Kräfte. Der 8. Rang ist aber ein erneuter Beweis für seine Beständigkeit auf dem harten Pflaster von Roubaix.
Im Rennen der Frauen war Elise Chabbey beim Sieg ihrer deutschen Teamkollegin Franziska Koch als 20. mit 2:20 Minuten Rückstand die beste Schweizerin.
