«Es wäre falsch, wenn wir uns nicht über Silber freuen würden»
Silber gewonnen oder Gold verloren? Was für die Schweizer Curlerinnen gleich nach dem verlorenen Olympia-Final gegen Schweden noch schwierig einzuschätzen war, ist mit etwas Distanz klar.
Die Umarmungen sind innig. Erst zwischen den vier Spielerinnen Selina Witschonke, Carole Howald, Silvana Tirinzoni und Alina Pätz, dann mit den weiteren Teamkolleginnen und -kollegen. Am Ende steht Pätz, die so oft nervenstarke und brillante Spezialistin für die letzten Steine, am Rand des Eisfeldes und umarmt ihren langjährigen Lebenspartner Sven Michel, der zwei Tage zuvor mit den Männern Bronze gewonnen hatte.
Wie schon der Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer festgestellt hatte: In Sportarten mit einem Finalspiel sind Silbermedaillen die vielleicht schwierigsten, weil man mit einer Niederlage aufhört., die Gefühle sehr gemischt sind. Über Bronze kann man sich einfacher freuen. «Im Moment überwiegt die Enttäuschung», sagt denn auch Skip Tirinzoni unmittelbar nach der 5:6-Niederlage gegen Schweden im Interview bei SRF.
Silber ist auch schön
Eine halbe Stunde später, nach der Siegerehrung und mit der Medaille um den Hals, die Frage an Alina Pätz: Wie lange wird es dauern, bis sie und ihr Team sich über Silber freuen? Die 35-jährige Zürcherin blickt auf und sagt: «Ich glaube, ich freue mich jetzt schon. Ich bin sehr stolz und freue mich für das ganze Team.» Und Tirinzoni ergänzt mit ein bisschen Distanz: «Ein wenig Enttäuschung ist sicher noch da, aber es wäre falsch, wenn man sich nicht über Silber freuen würde.» Vor dem Start des Turniers hätten sie für Silber unterschrieben. «Wir sagten immer, wir wollen eine Medaille. Über die Farbe haben wir nie gesprochen.»
Tirinzoni blickt auf ihre Medaille. «Wir haben sehr hart dafür gekämpft. Und sie glänzt ja auch sehr schön.» Das Quartett des CC Aarau war als Mitfavorit gestartet und hatte sich im Lauf des Turniers gesteigert. In der Vorrunde klappte noch nicht alles, doch man qualifizierte sich frühzeitig für die Halbfinals und zeigte da gegen die USA, als es darum ging, den Gewinn einer Medaille sicherzustellen, die wahrscheinlich beste Leistung. Im Final kam man dann gegen einen sehr starken Gegner nicht mehr ganz an diese Fast-Perfektion heran.
Der fehlende Zentimeter
«Im achten End fehlte vielleicht ein Zentimeter», hadert Alina Pätz. «Wenn da das Glück etwas mehr auf unserer Seite wäre, hätte es sehr gut ausgesehen.» Insgesamt, das anerkennen der Schweizer Skip und die Nummer 4, seien die Schwedinnen aber sehr gut und eben das entscheidende bisschen besser gewesen.
Am Ende war es Sven Michel, der in der Halle ein paar Tränen vergoss. «Zum Zuschauen ist es immer noch etwas härter als beim Spielen», sagt Pätz schmunzelnd. Immerhin ist sie mit Silber gegenüber Bronze die Nummer 1 in der Familie. «Das stimmt», meint sie lachend. «Aber es kann schon sein, dass er das anders sieht.»
Und dann gehen die Schweizerinnen als Team geschlossen noch einmal in die mittlerweile fast leere Olympiahalle in Cortina, sehen sich um, machen Fotos, geniessen noch einmal den Moment. Eine Olympiamedaille ist definitiv etwas, über das man sich freuen soll – auch wenn es Silber statt des möglichen Gold ist.
