Marianne Fatton lässt die grosse Favoritin wieder hinter sich
Wenn es zählt, ist sie da: Welt- und Europameisterin war sie bereits, nun ist Marianne Fatton auch Olympiasiegerin. Die 30-jährige Neuenburgerin kann es selbst kaum fassen.
Bei der Medaillenzeremonie kommen die Emotionen hoch. Marianne Fatton denkt an ihren Freund, der sie seit Jahren trainiert, und an dessen Vater, der ihr direkt neben ihrem Zuhause eine Treppe gebaut hat, um den Wettkampf zu simulieren. Und sie denkt an ihr grosses Vorbild: ihre Mutter. Anna Janouskova, wie sie damals hiess, startete 1992 als tschechoslowakische Langläuferin bei den Olympischen Spielen in Albertville. Gut dreieinhalb Jahre später wurde Tochter Marianne geboren.
Auch ihr Vater, ein ehemaliger Bergläufer, prägte sie sportlich. Doch besonders präsent sind Fatton die Bilder ihrer Mutter auf den Skis, die sie und ihre Brüder überallhin mitzog. «Sie war so stark, dass die Olympischen Spiele für mich unerreichbar wirkten», sagt Fatton. Genau dieses Gefühl habe sie stets angetrieben.
Erst recht, seit 2021 das Skitourenrennen ins olympische Programm aufgenommen wurde. Damit kam Fatton unverhofft zur Chance, ebenfalls Olympionikin zu werden. «Ich bin so stolz, sie als Mama zu haben und dass sie mir die Leidenschaft für den Sport mitgegeben hat.»
Am Tag X immer bereit
Nun tritt Fatton nicht nur in die Fussstapfen ihrer Mutter, sie schreibt ihre eigene olympische Geschichte. Im Final lässt die Schweizerin die grosse Favoritin Emily Harrop aus Frankreich dank eines perfekten Wechsels vor der Abfahrt hinter sich. Die intensiv trainierten Übergänge machen in diesem Moment den Unterschied. «Ich habe mir gesagt, dass ich bis zum letzten Anstieg dranbleiben muss», erklärt Fatton. «Und dass danach mein Moment kommt.»
Bereits im vergangenen Jahr, als die zwei Jahre jüngere Harrop als nahezu unschlagbar galt, bezwang Fatton sie im entscheidenden Rennen der Saison und wurde in Morgins Weltmeisterin. Zwei Jahre zuvor hatte sie den Europameistertitel gewonnen. Es sind ihre einzigen drei Sprint-Siege in den letzten drei Wintern: EM, WM und nun Olympia. Wenn es um Titel geht, liefert Fatton.
«Ich habe aufgehört zu überlegen»
«Ich weiss selbst nicht, wie ich das mache», sagt sie über ihre aussergewöhnliche Bilanz bei Grossanlässen. Vor dem Final habe sie noch versucht, sich gedanklich in die letztjährige WM zurückzuversetzen, um das Erfolgsrezept zu finden. «Aber ich fand keine Antwort. Also habe ich aufgehört zu überlegen und mir gesagt: Lauf einfach.» Genau das tat sie, und lief zu Gold.
«Maximalen Spass haben, alles geben und nichts bereuen.» Dieses Ziel hatte sich Fatton vor dem olympischen Wettkampf gesetzt. Ein Vorhaben, das maximal aufgegangen ist.
