Tanguy Nef träumt vom zweiten Coup in Bormio
Sport
16. Februar 2026

Tanguy Nef träumt vom zweiten Coup in Bormio

In der Team-Kombination ist ihm der perfekte Lauf geglückt, nun möchte Tanguy Nef am Montag im Slalom nachdoppeln. Der Genfer spricht über die emotionalsten Tage seiner Karriere.

Im House of Switzerland in Bormio wurde in den vergangenen Tagen ausgelassen gefeiert. Besonders am Montag, als nach der Team-Kombination gleich vier Schweizer Alpin-Athleten ihre Medaillen präsentierten. Sie alle wurden bejubelt, doch ein Name wurde besonders oft skandiert. Und für einmal war es nicht jener von Franjo von Allmen, Marco Odermatt oder Loïc Meillard. Nein, die Fans riefen: «Tanguy, Tanguy, Tanguy.»

Der Slalomfahrer aus Veyrier hatte mit einem Traumlauf geglänzt. Was ihm da gelungen war, konnte Nef selbst lange kaum realisieren. «Schon als ich mit Marco, Franjo und Loïc auf dem Podest stand, hatte ich fast ein bisschen das Imposter-Syndrom», erinnert er sich. Dieses beschreibt das Gefühl, Erfolge nicht verdient zu haben und als «Betrüger» entlarvt zu werden. «Ich stand da mit den drei Stars, ich bin ja selbst ein bisschen Fan von ihnen, und hörte dann plötzlich auch meinen Namen.»

Ein surrealer Moment für den 29-Jährigen, der im Weltcup noch nie auf dem Podest gestanden hatte und meist im Schatten seiner erfolgreichen Teamkollegen geblieben war. Auch Tage später holt er die Medaille manchmal hervor, um sich zu vergewissern: «Okay, sie ist immer noch da, das war also echt.»

Der College-Skifahrer

Wie viel ihm dieser Erfolg bedeutet, ist Nef auch drei Tage später beim Mediengespräch im Teamhotel anzusehen. «Ich stand am Start und dachte: Das sind meine ersten Olympischen Spiele.» Dann bricht seine Stimme und leicht zittrig fährt er fort: «Ich habe mein ganzes Leben darauf hingearbeitet. Und ich wusste: Es ist jetzt oder nie.»

Um zu verstehen, woher diese Emotionen rühren, lohnt sich ein Blick auf Nefs eher unkonventionellen Weg in den Spitzensport. Als er mit 16 Jahren einen Schien- und Wadenbeinbruch erleidet, wird ihm bewusst, wie schnell ein Traum platzen kann. Alles auf die Karte Sport zu setzen, erscheint ihm plötzlich riskant. Nach der Matura bewirbt er sich deshalb an einer amerikanischen Universität, in der Hoffnung, Studium und Spitzensport besser vereinbaren zu können.

Nach bestandener Aufnahmeprüfung studiert er am Dartmouth College in New Hampshire Informatik und Wirtschaft und bestreitet daneben Rennen der National Collegiate Athletic Association (NCAA). Geplant ist zunächst ein Semester, doch es werden drei Jahre bis zum Bachelor-Abschluss. Im Ski-Weltcup wird dieser Weg mitunter belächelt oder als aussichtslos bezeichnet. «Gold zu gewinnen war auch deshalb besonders», sagt Nef. «Es hat meine Entscheide legitimiert.»

Nef ist einer von 240 Athletinnen und Athleten mit NCAA-Erfahrung an diesen Winterspielen. Aus der Schweiz sind es elf, wobei er der einzige Skifahrer ist. Die anderen zehn sind Eishockeyspielerinnen. Weit über 200 Nachrichten habe er nach seinem Olympiasieg von ehemaligen Coaches, Weggefährten und Bekannten aus den USA erhalten, erzählt der Romand. «Dort haben die Olympischen Spiele nochmals eine höhere Bedeutung als hier.»

Später Durchbruch

Auf die Anerkennung musste Nef allerdings lange warten. Denn im Weltcup gelingt ihm mit Platz 11 in Levi zwar ein starker Einstand, doch die erhoffte Konstanz bleibt zunächst aus. Es folgt eine schwierige Phase, in der er häufig ausscheidet. Zwischenzeitlich kämpft er im zweitklassigen Europacup darum, den Anschluss an die Spitze nicht vollständig zu verlieren.

Erst mit 28 Jahren gelingt ihm der eigentliche Durchbruch. Im vergangenen Winter fährt er im Weltcup regelmässig in die Punkte und in Saalbach feiert er zudem seinen ersten grossen Erfolg: Als erster aus Genf stammender Skifahrer gewinnt er mit Silber in der Team-Kombination (mit Alexis Monney) eine WM-Medaille. In seiner Heimatgemeinde wird er später gebührend gefeiert, auch wenn er inzwischen im Wallis lebt.

Nun ist zu WM-Silber auch noch Olympia-Gold hinzugekommen. Nef, der im Weltcup weiterhin auf sein erstes Podest wartet, scheint ein Mann für Grossanlässe zu sein. «Für mich hat sich ein Traum erfüllt, ich schwebe immer noch ein bisschen auf Wolken», sagt er. «Gleichzeitig darf ich nicht vergessen, dass mein grosses Ziel eine Medaille im Spezialslalom war.»

In dieser Disziplin ist die Konkurrenz besonders dicht. Slalom gilt als offenste Weltcup-Disziplin, in neun Rennen dieser Saison gab es sieben verschiedene Sieger. Auch teamintern liegt Nef hinter Meillard, der im vergangenen Jahr Weltmeister wurde und in diesem Winter dreimal aufs Podest fuhr. Der Coup vom Montag hat ihm jedoch zusätzlichen Mut gegeben. «Ich bin in Form und weiss, dass ich auf dieser Piste sehr gut fahren kann.» Dieses Vertrauen kann den Unterschied machen.