Mit dem Schub der EM-Medaillen
Der Eiskanal ist für Deutschlands Wintersportler seit Jahren die ergiebigste Edelmetallmine. Mit dem Schub von drei EM-Medaillen wollen die Schweizer Bobfahrer aber auch ein Stück vom Kuchen.
Mit bisher 31 Medaillen ist Bob hinter Ski alpin mit Abstand das erfolgreichste Schweizer Tummelfeld an Olympischen Winterspielen. Die Trauben hängen allerdings immer höher. Das muss man über die drei Sportarten im Eiskanal – Bob, Rodeln und Skeleton – wissen.
SCHWEIZER DÜRREZEIT. Zweimal blieben die Schweizer Bobfahrer seit dem Triumph von Beat Heft und Alex Baumann 2014 in Sotschi an Olympischen Spielen nun ohne Medaille. Das gab es noch nie und das nagt am Selbstbewusstsein. Vor vier Jahren schlug man sich wacker, doch Michael Vogt und sein später schwer verunglückter Anschieber Sandro Michel waren als Vierte hinter den drei deutschen Zweierbobs nur «best of the rest».
FORMKURVE STIMMT. Bei den Männern sind die Schweizer in der Hierarchie die Nummer 2 und haben deshalb wie die Deutschen drei Startplätze. Im Weltcup zahlte sich dies jedoch in nur gerade einem Podestplatz – Michael Vogt bei der EM in St. Moritz im Vierer – aus. Die Medaillen liegen also nicht auf dem Präsentierteller. Die Formkurve stimmt aber, auch bei der Schweizer Nummer 2 Cédric Follador. Der Engadiner kommt wie der Zuger Timo Rohner, Sohn des Olympia- und mehrfachen WM-Medaillengewinners Marcel Rohner, zu seinem Debüt unter den fünf Ringen und überzeugte durch konstant saubere Fahrten. Er verliert aber am Start etwas zu viel Zeit auf die Besten.
SCHUB DURCH EM-MEDAILLEN. Die beste Schweizer Medaillenchance gibt es wohl im Monobob durch die frisch gebackene Doppel-Europameisterin Melanie Hasler, da in dieser Disziplin mit Einheitsschlitten gefahren wird und niemand einen grossen Material-Vor- oder Nachteil hat. Vor allem die deutschen Zweierbobs waren dem Rest des Feldes in den letzten Jahren deutlich überlegen, und auch die Amerikanerinnen verfügen über schnelles Gerät. Bei den Frauen steht ebenfalls bereits die zweite Generation einer Bob-Dynastie am Start: Die zweifache Junioren-Weltmeisterin Debora Annen ist die Tochter des dreifachen Olympia-Dritten Martin Annen, Bruder Tim ist bei den Männern als Anschieber dabei. Bei Deborah Annen sorgte Salomé Kora für Schub. Die Ostschweizer Sprinterin und Olympia-4. mit der Staffel in Tokio schreibt damit Sportgeschichte. Sie ist die erste Schweizer Frau, die im Sommer und Winter dabei ist.
DEUTSCHLAND – UND WER NOCH? Seit dem Debakel von Sotschi 2014, als man ohne Medaille blieb, haben die deutschen Männer in der Person von Francesco Friedrich alle vier Olympiarennen gewonnen und acht von zwölf möglichen Medaillen geholt. Zwei Dreifach-Erfolge erscheinen auch in Cortina das wahrscheinlichste Szenario, allerdings war Friedrichs bayrischer Erzrivale Johannes Lochner in dieser Saison meist schneller. Bei den Frauen sind auch die Amerikanerinnen hoch einzuschätzen.
MAAG MIT AMBITIONEN. Im Rodeln steht Natalie Maag aus Schweizer Sicht allein auf weiter Flur. Nach dem 9. Platz in China strebt die Zürcher Oberländerin bei ihrer zweiten Olympia-Teilnahme ein Diplom an – mindestens. Nach zwei Podestplätzen im letzten Winter gelang ihr der erhoffte Schritt nach vorne nicht ganz, mit dem 3. Platz beim Weltcup in Oberhof – gleichbedeutend mit EM-Bronze – zeigt die Formkurve aber aufwärts.
BUFF MACHTS BESSER ALS SEIN BRUDER. Im Skeleton hat die einstige Grossmacht Schweiz den Anschluss an die Weltspitze verloren. Immerhin sicherte sich der Engadiner Vinzenz Buff einen Quotenplatz. Während sein älterer Bruder Jean Jacques vor vier Jahren Olympia knapp verpasste, schaffte Vinzenz nun dank einiger Top-15-Plätze die Selektion.
118 MILLIONEN FÜR 16 KURVEN. Lange war unklar, ob in Cortina d’Ampezzo ein neuer Eiskanal gebaut werden soll. Sogar Lake Placid in den USA stand als Ausweichort im Raum. Schliesslich wurde das Eugenio Monti Sliding Centre für rund 118 Millionen Euro in der Rekordzeit von 13 Monaten hingeklotzt. Der Eiskanal weist 16 Kurven (für die Rodlerinnen und Doppelsitzer 14) auf; in der Umgebung wurde nicht alles fertig, doch die Bahn erntet von den Athleten viel Lob und hochstehenden Rennen steht nichts im Weg.
