Mister Grossanlass und das neue Mindset
Sport
30. January 2026

Mister Grossanlass und das neue Mindset

Fast ein Jahr ist er ohne Podestplatz, zwei 8. Ränge stehen als Saison-Bestresultat - und er ist kein bisschen besorgt: Ryan Regez verblüfft im Olympia-Winter mit einer neuen Gelassenheit.

Eigentlich ist Ryan Regez ein nachdenklicher, reflektierter Mensch. Einer, der vieles hinterfragt, der bisweilen auch an sich zweifelt, der dazu tendiert, zu «verkopfen». So war es vor seinem Olympiasieg 2022 in Peking, so war es vor dem WM-Triumph im letzten Frühling in St. Moritz.

Es schien, als bräuchte Regez dieses Kopfkino aus Fragen und Zweifeln, um sich ans Limit zu pushen. In einer frühen Phase seines Athleten-Daseins nicht um schrille und bisweilen polarisierende Auftritte verlegen wie auch nicht um lockere Sprüche, steckte in seinen Sätzen oft mehr Tiefgang, als es auf den ersten Blick den Anschein machte. Manchmal schwang in den Zwischentönen eine Prise Unsicherheit mit.

Mit sich und der Welt im Reinen

Im Olympia-Winter 2025/26 lernt man nun einen anderen Ryan Regez kennen. Einen Menschen, der mit sich und der Welt im Reinen ist. Der das, was er tut, jetzt so geniesst, wie er es tun sollte und darf. Der sich durch enttäuschend verlaufene Rennen oder Trainingszeiten nicht verunsichern und aus der Ruhe bringen lässt. Der nicht mehr vom Gefühl getrieben ist, sich und allen anderen etwas beweisen zu müssen. «Ich bin an einem Punkt, an dem alles zusammenpasst», sagt der Skicrosser aus Wengen.

Olympiasieg, WM-Gold, Gewinn des Gesamtweltcups: Mit 32 Jahren hat Ryan Regez die bedeutendsten Trophäen seines Sports alle gewonnen. Vor allem die Erfahrungen mit der langwierigen Verletzung, dem zweiten Kreuzbandriss der Karriere, der ihn ab Dezember 2022 mehr als ein Jahr ausser Gefecht setzte, hätten ihn menschlich wachsen lassen, sagt der einstige Alpinfahrer.

Waren Olympiagold und der Gesamtweltcup lange ein grosser Antrieb und fiel er im Frühjahr 2022 in ein mentales Loch, als er diese Ziele erreicht hatte, hält ihn nunmehr die pure Freude am Skicross bei der Stange. «Dieser Sport macht mir so viel Spass. Die Kombination aus Vergnügen und harter Arbeit gibt mir extrem viel», sagt Regez. Er schätze das Athleten-Dasein, dass er seine Tage frei gestalten könne, er sehr flexibel sei. Kurzum: «Nein, ich bin noch nicht bereit dazu, das zu beenden.»

Einer für den Tag X

Dabei könnten die bisherigen Resultate in diesem Winter für ein Gedankenwirrwarr sorgen. Nach sieben Rennen stehen zwei 8. Plätze als beste Resultate, die übrigen Male klassierte er sich ausserhalb der Top 16. Doch die Erfahrung lehrte Regez, dass das innere Gefühl wichtiger ist als die nackten Resultate. «Kein Grund, nervös zu werden. In meinen besten Saisons habe ich es immer langsam angehen lassen. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, das Risiko in gewissen Momenten zu dosieren.»

Zum guten Gefühl trägt die optimale Vorbereitung im Sommer bei, aber auch die Gewissheit, dass er sich am Tag X auf seine Fähigkeiten verlassen kann: Einmal trat er an Olympischen Spielen an und holte Gold. Drei WM-Rennen bestritt er, zweimal triumphierte er (inklusive dem Team-Wettkampf mit Fanny Smith in der Vorsaison). Im Weltcup gewann er von 98 Rennen nur sieben, doch als er die Siege für den Gesamtweltcup brauchte, holte er sie. Ja, Ryan Regez ist ein Mann für die grossen Rennen – so etwas wie der Schweizer Mister Grossanlass.