Kantonsgeologe sieht Gefahr für Blatten nicht vollständig gebannt
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28. January 2026

Kantonsgeologe sieht Gefahr für Blatten nicht vollständig gebannt

Seit dem 1. Oktober 2025 leitet Guillaume Favre-Bulle die Dienststelle für Naturgefahren des Kantons Wallis. Die Naturkatastrophe von Blatten VS dominiert den Alltag des neuen Kantonsgeologen, könnte der Berg doch erneut für unangenehme Überraschungen sorgen.

Vor acht Monaten, am 28. Mai 2025, erlebte der 44-jährige Favre-Bulle den Gletscherabbruch und anschliessenden Erdrutsch am Kleinen Nesthorn oberhalb von Blatten hautnah mit. «Als der Gletscher abbrach, schaute ich gerade auf die Webcam und war mir bewusst, dass in diesem Gebiet viel los war» erzählt er. «Plötzlich sah ich, wie der Erdrutsch losging. Ich sprang von meinem Stuhl auf. Das schlimmste Szenario war vor meinen Augen Wirklichkeit geworden.»

Der Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Raphaël Mayoraz als Kantonsgeologe hat einen Master-Abschluss in Umweltgeowissenschaften der Universität Lausanne und arbeitete 15 Jahre lang in Geologie- und Ingenieurbüros, bevor er 2017 zum Kanton Wallis wechselte. 2022 wurde er Leiter der Abteilung für geologische Gefahren und Bodenschätze innerhalb der kantonalen Dienststelle für Naturgefahren.

Risiko besteht weiterhin

Nach der Naturkatastrophe ging es für diese vorrangig darum, den entstandenen See für den Winter zu sichern und die Gefahren unterhalb und oberhalb der Ablagerung zu bewerten. Gleichzeitig wurde eine aktualisierte Gefahrenkarte erstellt. Inzwischen befinden sich 70 Prozent des zerstörten Dorfes in der roten Zone. Für Blatten belaufen sich die Kosten für die von der Dienststelle subventionierten Arbeiten laut Favre-Bulle derzeit auf rund 20 Millionen Franken.

Auch wenn im Jahr 2025 zehn Millionen Kubikmeter Felsbrocken, Geröll und Eis auf das Lötschentaler Dorf gefallen sind, könnte der Berg noch immer für Überraschungen sorgen. “Eine Million Kubikmeter können noch immer von heute auf morgen vom Kleinen Nesthorn herunterfallen*, erklärt Guillaume Favre-Bulle.

Daher sei eine vorrangige Überwachung des Gebiets nach wie vor erforderlich. Darüber hinaus könnten weitere Erdrutsche oder Murgänge auftreten. Diese würden zu einer Vergrösserung der aktuellen Fläche des Sees führen.

Fünf Jahre, um das Eis zum Schmelzen zu bringen

Etwa 3 Millionen Kubikmeter Eis sind noch immer in der Sedimentmasse eingeschlossen, wie der Kantonsgeologe feststellt. Sie schmelzen sehr langsam. «Wir werden versuchen, grosse Gräben anzulegen, um das gesamte Wasser aus der Ablagerung abzuleiten. Nach Ansicht von Fachleuten könnte dies etwa fünf Jahre dauern», sagt Favre-Bulle.

Letztendlich könnte dieses Gelände, das nicht mehr als Bauland genutzt werden kann, wieder für die Landwirtschaft freigegeben werden. Der Kanton Wallis denke derzeit über diese Möglichkeit nach.

Für die kommenden Monate wäre es laut dem Kantonsgeologen ideal, wenn der Fluss Lonza in seinem derzeitigen Bett bleiben würde „und wir nur das Phänomen der Erosion überwachen müssten. Dazu müsste es einen Sommer ohne grosse Unwetter geben“, erklärt der Geologe.

Weitere Ereignisse drohen

Seit 2024 ist das Wallis mehrfach von schweren Unwettern heimgesucht worden. Neben Blatten sind unter anderem das Überlaufen der Rhone in der Region Siders (Juni 2024) oder die Dutzenden von Murgängen in der Nähe von Lourtier (2024-2025) zu nennen. Die steigende Zahl dieser einschneidenden Ereignisse beunruhigt die Bevölkerung.

«Das wird eine meiner grossen Herausforderungen sein, zusammen mit den Folgen der globalen Erwärmung», bestätigt Guillaume Favre-Bulle. Auch wenn bestehende Gebäude leider nicht immer geschützt werden könnten, gebe es Massnahmen, um die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen, wie beispielsweise Evakuierungen. Dabei sei es wichtig, dass sich die Bevölkerung selber keiner Gefahr aussetze, sich nicht einem laufenden Naturereignis nähere und bei einem aussergewöhnlichen Unwetter nicht mit dem Auto fahre.

Derzeit werden im Wallis 150 Orte überwacht, um grössere Katastrophen zu verhindern. Laut Guillaume Favre-Bulle gibt es aber in der Natur Ereignisse, die man nicht vorhersagen und nicht kontrollieren kann, wie beispielsweise ein Felsbrocken, der auf ein Fahrzeug fällt. Eine Gefahr stellten auch die immer häufiger auftretenden heftigen Gewitter dar.

Wichtige laufende Projekte

Im Dezember lehnte der Walliser Grosse Rat die Schaffung von neun zusätzlichen Vollzeitstellen bei der kantonalen Dienststelle für Naturgefahren ab. Das hat laut dem Kantonsgeologen zur Folge, dass bestimmte Projekte priorisiert werden müssen.

Neben Blatten und den Arbeiten zur dritten Rhonekorrektion sind die Gestaltung der Dranse in Martigny (über 30 Millionen), die Arbeiten an der Vièze in Monthey (rund 20 Millionen), an der Navizence in Anniviers (40 Millionen) und am Baltschiederbach (23 Millionen) die wichtigsten Projekte der Dienststelle für Naturgefahren. Diese werden über mehrere Jahre mit einem Aufwand von 2 bis 4 Millionen pro Jahr realisiert.