Brisantes belgisches Favoritenduo Van Aer/Evenepoel

Wout van Aert und Remco Evenepoel, die Halbgötter des belgischen Radsports, sind das ganze Jahr über Rivalen. Am Sonntag im WM-Strassenrennen müssen sich die beiden im Nationaltrikot einigen.

Der traumhafte Blick auf die Sandstrände in Wollongong, die knapp 90 km südlich von Sydney gelegene 260’000-Einwohner-Stadt, und der viele Sonnenschein im australischen Frühling täuschen. Bei der Rad-WM in Down Under ist aufgrund des welligen, aber nicht allzu bergigen Parcours nicht nur die Liste der Favoriten lang, es besteht auch die latente Gefahr von Attacken aus der Luft.

Die «Magpies», bei uns bekannt als Elstern, sind los. Gerade jetzt während der Brutzeit kommt es oft vor, dass diese Vögel Velofahrer attackieren. Dabei haben sie selbstredend nicht das Regenbogentrikot des neuen Weltmeisters im Visier. Sie wollen ganz einfach ihr Revier verteidigen.

Zahlreiche WM-Teilnehmer haben in den vergangenen Tagen unliebsame Bekanntschaft mit den herabstürzenden Vögeln gemacht. Unter ihnen auch das Schweizer Nationalteam, wie Stefan Küng bestätigt: «Das Thema ist hier wirklich omnipräsent unter Velofahrern. Aber wir waren nicht wirklich in Gefahr, man erschrickt mehr», relativiert der Thurgauer, der sich mit Silber im Einzel- und Gold im Mixed-Team-Zeitfahren in Australien bereits zwei Medaillen gesichert hat.

Nicht ganz so gelassen reagierte der belgische Jungstar Remco Evenepoel, als ihm «ein ziemlich grosser Vogel sehr nahe kam» und ihn verfolgte. «Es war erschreckend. Aber das ist anscheinend Australien. Ich hoffe, es ist das einzige Mal, dass das passiert, aber ich habe Angst davor.»

Interner Machtkampf

Ähnlich wie Küng, der im Einzelzeitfahren den WM-Titel nur um drei Sekunden verpasste, musste auch Evenepoel mit dem Gewinn von Bronze eine Enttäuschung hinnehmen. Seine Leistung warf deshalb Fragen nach seinem Formstand auf und befeuerte zusätzlich die Diskussion über den internen Machtkampf zwischen ihm und seinem Landsmann Wout van Aert.

Mit Evenepoel, dem frischgebackenen Gewinner der Spanien-Rundfahrt, und Van Aert, dem grossen Klassiker-Jäger, verfügt das belgische WM-Team nämlich über zwei absolute Ausnahmekönner. Eine Luxussituation, die aber auch Probleme bereiten kann, wenn es darum geht, dass die beiden Flamen für die Dauer eines Rennens gemeinsame Sache machen, wie es am Sonntag im WM-Strassenrennen der Fall sein wird.

Das ist nicht selbstverständlich für diese beiden ehrgeizigen und charakterstarken Männer – vor allem nach der Erfahrung bei der Heim-WM in Flandern im letzten Jahr, die in einer Katastrophe endete. Die als grosse Favoriten gestarteten Belgier, die Van Aert zum Leader ernannt hatten, liessen sich von der Konkurrenz übertölpeln, verpassten sogar das Podest und mussten dem Franzosen Julian Alaphilippe zur erfolgreichen Titelverteidigung gratulieren.

Aus den Fehlern gelernt

Was folgte, war eine mediale Schlammschlacht, die die Situation weiter verschärfte. Evenepoel, der sich für seinen Captain opfern musste, kritisierte in einem Interview mit dem flämischen Fernsehen die gewählte Strategie und versicherte, dass er selbst die Beine gehabt hätte, um Weltmeister zu werden. «Enttäuschend», urteilte Van Aert sofort und behauptete, dass Evenepoel mit der vor dem Rennen festgelegten Taktik einverstanden gewesen sei. «Er hat mehr im Fernsehen geredet als im Bus», schimpfte er verbittert.

Ein Jahr später sind die beiden Alphatiere wieder gemeinsam im Trikot der belgischen Nationalmannschaft unterwegs, und wieder präsentiert sich die Ausgangslage vielversprechend. Der 28-jährige Van Aert und der sechs Jahre jüngere Evenepoel versichern, dass sie mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, und sagen, dass sie alles tun wollen, um das Regenbogentrikot zurück in die Heimat zu holen, wo man seit dem Triumph von Philippe Gilbert vor zehn Jahren sehnlichst darauf wartet.

«Wir haben aus unseren Fehlern vom letzten Jahr gelernt. Es ist besser, Remco als Co-Leader zu haben. In diesem Jahr werden unsere Gegner auf zwei Belgier aufpassen müssen und nicht nur auf einen», versichert Van Aert, der sogar auf das Zeitfahren verzichtet hat, um alles auf die Karte Strassenrennen zu setzen.

Fragezeichen hinter dem Titelverteidiger

Auf Van Aert und Evenepoel wartet auf den knapp 270 km am Sonntag jedenfalls ein hartes Stück Arbeit – und harte Konkurrenz. Auch wenn Titelverteidiger Julian Alaphilippe, der seinen dritten WM-Titel in Folge anstrebt, nach seinem Sturz bei der Vuelta nicht mit einer optimalen Vorbereitung an den Start geht. Zu den Siegesanwärtern zählt nebst dem zweifachen slowenischen Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar oder dem Einheimischen Michael Matthews bestimmt auch ein Fahrertyp wie der Niederländer Mathieu van der Poel.

Das sechsköpfige Schweizer Team weiss mit Stefan Bissegger und Mauro Schmid zwei aufstrebende Finisseure in seinen Reihen und verfügt mit Küng über einen Athleten, der bereits mehrfach bewiesen hat, dass er in grossen Rennen keinen Vergleich zu scheuen braucht.