Die Stunde der Murmeln

Der Murmel rollt. Weil der Sport aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Welt derzeit nur spärlich mit Emotionen versorgt, suchen viele Menschen nach einem Ausgleich.

Fündig werden sie im Internet, wo nun Murmeln auf ihrem Parcours ins Ziel zu Helden werden können.

Die Teams der Stunde heissen Raspberry Racers, Rojo Rollers, Midnight Wisps oder Crazy Cat’s Eyes. In Zeiten des Coronavirus liefern sie den Sportfans was Fussball, Basketball, Leichtathletik oder der Automobil-Sport nicht oder nur bedingt können: Spannung, Emotion und Wettkampf, Überraschungssieger und strauchelnde Favoriten. Die Hauptakteure der Teams sind aber keine Athleten, es sind rollende Murmeln. Die Glaskugeln drehen ihren Runden auf den verrücktesten Bahnen und in den unterschiedlichsten Disziplinen. Den Ausgang der Rennen bestimmt dabei nicht ein Spieler, der die Murmel spickt oder fernsteuert. Einmal oben losgelassen, führt der Zufall Regie.

Seit 2006 organisieren und publizieren die Brüder Dion und Jelle Bakker Videos von Murmel-Rennen auf Youtube, erst für ein paar wenige Murmel-Freaks, seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie für eine explosionsartig wachsende Online-Anhängerschaft. Allein im März wuchs die Gemeinschaft der Murmel-Fans um 999 Prozent an, über 1,1 Millionen Menschen folgen Dion und Jelle Bakkers Kanal «Jelle’s Marble Runs» mittlerweile auf Youtube, der in John Olivers Late-Night-Talk «Last Week Tonight» zuletzt auch einen prominenten Hauptsponsoren gefunden hat. «Es zieht uns in eine andere Welt, eine andere Dimension ohne Krieg, Elend oder Negatives», sagte Dion Bakker gegenüber der «New York Times» zum Erfolgsrezept seiner Serie.

Die Coronavirus-Pandemie habe zu einem Vakuum im Sportbereich geführt, erklärte Gregg Woods, der 2014 zufällig auf die Videos der Bakker-Brüder gestossen war und unterdessen als Kommentator der Wettkämpfe zu hören ist, im Gespräch mit «Sports Illustrated» über die letzten Monate. «Und aus irgendeinem Grund befriedigen die Murmel-Rennen bei vielen Menschen ihre Leidenschaft für Aussenseiter, grossartige Comebacks und unerwartete Leistungen.» Besonders begehrt sind die Videos des niederländischen Brüderpaars in den USA, wo gut die Hälfte der monatlich rund 10 Millionen Zuschauer herkommen.

Flitzer und Ausschreitungen

Die Murmeln und ihre Parcours gehören seit dem vierten Lebensjahr zu Jelle Bakker, der gemäss eigener Aussage an einer Form von Autismus leidet. Doch so intensiv wie in den letzten Monaten haben ihn die Kugeln von 16 Millimeter Durchmesser noch nie beschäftigt. Acht Stunden pro Tag denkt der 36-Jährige über neue Wettkämpfe nach, bastelt an Kursen, oder erfindet Geschichten für die verschiedenen Teams. Denn wie jede einzelne Murmel ihren Namen hat, besitzen die Teams und die Glaskugeln auch eine Geschichte, Fangesänge und natürlich Statistiken über ihr Abschneiden.

Die alles zu organisieren schafft Arbeit. Unterdessen ist das Team hinter «Jelle’s Marble Runs» auf 15 Personen angewachsen, unterdessen wird in den Niederlanden, den USA, oder Deutschland daran gearbeitet, dass die Murmeln nicht mehr nur einfach einen Parcours herunter rollen, sondern die Zuschauer auch unterhalten. Die «Marble League» – früher MarbleLympics genannt – wird etwa in einem festlichen Akt eröffnet, an den Wettkämpfen gibt es Fehlstarts, Flitzer, Verletzungen und schon auch Mal Handgreiflichkeiten unter den Murmeln auf den Tribünen. An den Qualifikations-Wettkämpfen der «Marble League 2019» sorgten die Fans der Limers für einen Skandal, als sie aus Frust Gegenstände auf die Bahn warfen und den Staffellauf ihres eigenen Teams verzögerten.

Die realen Fans vor den Bildschirmen zeigen ihre Passion für die Murmeln durch den Kauf von Merchandise in Form bedruckter Kleidungsstücke, mittels Wetten, per Direktnachrichten an die Organisatoren, oder via Kommentarfunktion auf Youtube. Durch ihre Einschätzung der Wettkämpfe tragen sie ebenfalls ihren Teil zur Geschichte der Murmeln bei. Erleidet eine Murmel bei einer Kollisionen einen Schaden, diskutiert die Community rasch über die Länge des Ausfalls. «Ich bin kein Fan von Team Momo, aber Momomomo war immer ein respektabler Spieler und es ist traurig zu sehen, dass seine Karriere so endet», liess ein Fan verlauten, als 2017 eine Murmel kaputt ging.

«Als wir angefangen haben, die Rennen zu filmen, hatten wir keine Erwartungen», sagte Dion Bakker der «New York Times». Sie hätten einfach irgendwann wieder damit aufhören wollen, dann setzte der Erfolg ein. Der rasante Aufstieg der Murmeln dürfte zumindest noch so lange anhalten, bis echte Sportanlässe wieder überall auf der Welt möglich sind. Doch selbst die Rückkehr zum Normalzustand wird «Jelle’s Marble Runs» kaum gefährlich werden, zu viele Fans haben die Murmeln in der Zwischenzeit gewonnen. Weitere werden diesen Monat dazukommen, wenn mit der «Marble League 2020» der Grossanlass des Jahres stattfindet – die Olympischen Spiele der Murmeln. Geplant hatten die Gebrüder Bakkers, ihren Anlass überschneidend mit Tokio 2020 durchzuführen, nun gehört die volle Aufmerksamkeit den Snowballs, Indigo Stars oder Minty Maniacs.