Pinguine trainieren für die Wissenschaft: Fit für Hörtests

Pinguin Lemmy und seine Kumpane im Stralsunder Ozeaneum bekommen ihre Sprotten nicht ohne Gegenleistung: Sie arbeiten im Dienste der Wissenschaft und helfen, das Hörvermögen von Pinguinen zu erforschen. Darüber weiss man erst wenig.

Im Auftrag des deutschen Umweltbundesamtes (Uba) werde mit ihnen die Hörfähigkeit von Pinguinen an der Luft und unter Wasser untersucht, erklärt die Meeresbiologin Helen Rössler vom Deutschen Meeresmuseum, welches das Projekt koordiniert. Über das Hörvermögen der Tiere sei wenig bekannt, sagt Uba-Forscherin Heike Herata. «Wir wissen, dass sie unter Wasser hören, aber nicht, in welchen Frequenzbereichen. Wir wissen auch nicht, welche Auswirkungen Lärm auf die Tiere hat.»

In der Antarktis und Subantarktis verursachen die Echolote von Schiffen Lärm, vor allem aber Schallkanonen, sogenannte Airguns. Mit ihnen wird durch Schallwellen die Beschaffenheit des Meeresbodens erforscht. Laut Herata ist unklar, wie sensibel Pinguine auf Unterwasserschall reagieren. Gemäss Umweltschutzprotokoll zum Antarktis-Vertrag sind Pinguine wie Wale und Robben vor Störungen durch Unterwasserschall und andere menschliche Einflüsse zu schützen.

Das Projekt «Hearing in Penguins» läuft bis zum Frühjahr 2021. Es soll klären helfen, ob und ab welcher Stärke Lärm Pinguine stresst. Das Fluchtverhalten allein sei kein Indiz, weil Pinguine ihr Nest nicht einfach im Stich lassen, wie Rössler sagt. Sie untersucht das Hören an Land. Im Marine Science Center Rostock testet eine Forscherin das Hörvermögen unter Wasser. Die flugunfähigen Vögel sind exzellente Schwimmer und perfekt an das Leben im Wasser angepasst.

Für die Tiere ist es ein Spiel

Für die Tests mussten Lemmy und seine Artgenossen zunächst an den Menschen gewöhnt werden und lernen, sich mitzuteilen. Intelligent genug dafür seien sie, sagt Rössler. Die vier Humboldt-Pinguine, zwei Männchen und zwei Weibchen, waren 2017 und 2018 in Stralsund geschlüpft, ebenso wie die Tiere, die in Rostock auf die Hörtests vorbereitet werden.

Im Ozeaneum watscheln die etwa 60 Zentimeter grossen Vögel dreimal täglich zu den Mahlzeiten aus der Freiluftanlage in den Versuchsraum. Lemmy, mit bald drei Jahren der älteste und der gewitzteste, holt sich seine Streicheleinheiten und die ersten halben Sprotten, bevor er auf die Waage steigt – 4900 Gramm. Auch in die Schallkammer geht er freiwillig. Bei jedem eingespielten Tonsignal, das Lemmy hört, drückt er mit dem Schnabel gegen eine runde Scheibe. Ein Pfeifen Rösslers ist die erste Belohnung. Später gibt es Sprotten.

In Rostock trainiert Tabea Lange vom Marine Science Center der Universität ebenfalls vier Pinguine. Sie tauchen in rund 1,5 Meter Tiefe durch eine Reihe von Ringen, die über eine Lichtschranke einen Ton aus einem Unterwasserlautsprecher auslösen. «Hat das Tier keinen Reiz vernommen, taucht es geradeaus durch den nächsten Ring weiter. Hat es dagegen den Ton gehört, biegt es nach links ab und taucht dort durch einen alternativen Ring», erläutert die Wissenschaftlerin.