Im Nordwesten Bosniens baut sich eine neue Migrationskrise auf

Die Kleinstadt Bihac an der Grenze zu Kroatien sieht sich durch die steigende Zahl von Migranten überfordert. Viele lagern in improvisierten Camps oder unter freiem Himmel. Der nahende Winter setzt Helfer und Verantwortliche unter Handlungsdruck.

Das Lager Vucjak, zehn Kilometer entfernt von der nordwestbosnischen Stadt Bihac, ist kein Ort, an dem Menschen hausen sollten. In den Zelten aus Segeltuch liegen Matratzen auf dem nackten Erdboden. Waschräume und Toiletten sind heillos verdreckt. Auf das Frühstück, bestehend aus Brot mit etwas Aufstrich, wartet eine lange Schlange. Vor dem einen oder anderen Zelt backen Männer über einem Feuer Tschapati, das pakistanische Fladenbrot.

Überfüllte Lager

Vucjak ist die Antwort der 50’000-Einwohner-Stadt Bihac auf einen Zustrom von Migranten und Flüchtlingen, den sie kaum mehr zu bewältigen vermag. Unmittelbar an der Grenze zu Kroatien gelegen, zieht sie Menschen an, die ohne Papiere über die «grüne» Grenze gehen wollen. Rund 7000 von ihnen halten sich derzeit in Bihac und im umliegenden Kanton Una-Sana auf. Im Juni nahmen die überfüllten Lager der internationalen Hilfsorganisationen keinen mehr auf. Die Migranten schliefen auf der Strasse.

Mit den Mitteln, die sie hatte, stampfte die Stadtverwaltung auf einer ehemaligen Mülldeponie das Lager Vucjak aus dem Boden. Viele seiner rund 700 Bewohner griff die bosnische Polizei in der Stadt auf und transportierte sie gegen ihren Willen hierher. Die internationalen Organisationen und NGOs wollen damit nichts zu tun haben, das improvisierte Lager entspricht nicht ihren Standards.

Das Rote Kreuz von Bihac versorgt die Bewohner mit zwei bescheidenen Mahlzeiten am Tag. Es lässt die Wassertanks der verschmutzten Sanitäranlagen nachfüllen. «Unsere Mittel sind begrenzt», erläutert Rot-Kreuz-Chef Selam Midzic. «Die gesamte Migrationskrise (in Bosnien) wird auf Bihac und den Kanton Una-Sana abgeladen.» Die Zentralregierung in Sarajevo kümmere sich nicht um das Problem. Die Stadt und der Kanton blieben sich selbst überlassen.

Das Ambulanzzelt betreibt ein deutscher Aktivist, unterstützt von freiwilligen Fachkräften aus Deutschland, Österreich, Ungarn und Slowenien. Der 52-jährige Dirk Planert, Fotograf und Journalist, hatte im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 humanitäre Hilfstransporte in das damals eingeschlossene Bihac gebracht. Im Juni hatte der Dortmunder dort eine Ausstellung mit seinen Fotos. Da erfuhr er von den Zuständen in Vucjak – und fuhr hin. «Jemand hat entschieden, 1000 Menschen einfach so wegzuschmeissen», sagt er in einem Ton, dem die Entrüstung anzumerken ist. Spontan entschied er sich, an diesem unwirtlichen Ort zu bleiben und zu helfen.

Neben der Behandlung der unter unhygienischen Verhältnissen grassierenden Krätze haben Planert und sein Team viel zu tun mit den Verletzungen, die sich die Migranten einhandeln, wenn sie beim irregulären Grenzübertritt von kroatischen Polizisten ertappt, misshandelt und nach Bosnien zurückgeschoben werden.

«Das läuft immer nach dem selben Schema ab: die Ertappten müssen sich aufreihen, die Polizisten nehmen ihnen Geld, Schuhe und Handys weg – oder zerstören die Handys -, verprügeln sie und treiben sie zurück über die Grenze.» Hauptsächliche Verletzungen seien Blutergüsse von Schlägen und Tritten, gelegentlich komme es auch zu Knochenbrüchen.

Nur «ein wenig Gewalt»

Kroatien bestreitet die Vorwürfe, die auch von Menschenrechtsorganisationen erhoben und zum Teil mit Videoaufnahmen dokumentiert wurden. Die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic meinte jüngst in einem Interview, die Polizei müsse gegenüber «illegalen» Migranten manchmal «ein wenig Gewalt» anwenden. Die beanstandeten Verletzungen würden aber vom dornigen Gebüsch in dem unwegsamen Terrain stammen, das die Migranten durchqueren.

Den schwierigen Gang über die Berge ins EU-Nachbarland Kroatien nennen die Migranten «The Game» – Das Spiel. Entweder du schaffst es bis Österreich, Deutschland oder Italien und kommst ins Asylverfahren, oder du scheiterst, bekommst Prügel und musst zurück zum Start. Der 21-jährige Rezek aus Pakistan erzählt, dass er es in einer Gruppe von zwölf Männern versuchte. Sie kamen bis Slowenien, wo sie die Polizei entdeckte und den kroatischen Behörden übergab. «In Kroatien schlugen sie uns mit Schlagstöcken, sehr hart, drei von uns erlitten Knochenbrüche.» Trotzdem will Rezek bei nächster Gelegenheit erneut das «Game» wagen.

In den letzten Wochen stieg die Zahl der Migranten, die aus der Türkei in Booten über die Ägäis nach Griechenland kamen. 9334 Ankünfte registrierte man dort im August, mehr als doppelt so viele wie im August des Vorjahres. In diesem Monat ist fast täglich von mehreren hundert Überfahrten zu hören. Griechenland ist Ausgangspunkt der sogenannten Balkanroute. Diese galt als weitgehend geschlossen, seitdem Ungarn im Herbst 2015 an seinen Südgrenzen zu Serbien und Kroatien Zäune und Sperren errichtete.

Die Hauptschiene der Balkanroute hat sich deshalb mehr nach Westen verlagert, sie verläuft nun über Serbien, Bosnien, Kroatien und Slowenien. Bis Bosnien kommen die Migranten mit Hilfe von Schleppern einigermassen zügig voran. In Bihac wartet auf sie das «Game», mit all seinen Härten und Schwierigkeiten. Doch irgendwann kommt fast jeder durch. Seit 2015 hat Bosnien 42’000 Ankünfte registriert. Im Land halten sich aber derzeit gerade mal 8000 Migranten auf.

Camps sind nicht winterfest

Bihac ist der Hotspot, wo sie sich aufstauen, wo sie die auf sich gestellte Kommunalverwaltung überfordern. Die steigende Zahl der Ägäis-Überquerer bedeutet aber auch, dass der Druck auf Bihac steigen wird. Der langsam nahende, im bosnischen Bergland früh einsetzende Winter könnte eine humanitäre Katastrophe in Gang setzen, wenn Camps wie Vucjak nicht winterfest gemacht werden. Hinzu kommen mehrere hundert Menschen, die vor dem überfüllten Lager Bira in Bihac oder auf einem Gelände nahe an der kroatischen Grenze unter freiem Himmel lagern.

«Wir tun unser Bestes», beteuert der lokale Rot-Kreuz-Chef Midzic. Für Vucjak werde er beheizbare Zelte heranschaffen, die Böden gegen Nässe und Schlamm abdichten lassen. Dass die humanitäre Krise nicht in eine Katastrophe mündet, ist jedoch nicht allein von einer Handvoll engagierter Helfer abhängig. Die internationale Gemeinschaft dürfte nicht darum herumkommen, auf Bihac zu schauen.