Die stärksten Verbände haben ihre Auf und Ab

Über viele Jahre konstant zu dominieren fällt jedem Teilverband im ESV schwer – ebenso dem einzelnen Schwinger.

Seit dem zweiten Weltkrieg errangen nur vier Schwinger an zwei Eidgenössischen Festen in Folge den Königstitel. Dies waren Karl Meli 1961 und 1964, Rudolf Hunsperger 1966 und 1969, Ernst Schläpfer 1980 und 1983 sowie Jörg Abderhalden 2004 und 2007. Die ersten zwei leben nicht mehr, die andern zwei sind längst zu den Passiven übergetreten. Matthias Glarner könnte sich in Zug zu den erfolgreichen Titelverteidigern gesellen. Aber der Berner Oberländer wird im Dezember 34 Jahre alt. Man weiss, dass es auch für einen Spitzenschwinger jenseits der 30 zunehmend schwierig wird, sich in diesem Fest über zwei Tage zuvorderst zu behaupten.

Betrachtet man die Dominanz der Teilverbände, sieht man über die Jahrzehnte ein Auf und Ab. Von 1995 bis 2007 hatten die Nordostschweizer, und nur sie, das Sagen. Sie stellten in dieser Epoche jedes Mal den König und waren in drei Schlussgängen unter sich. Der Schlussgang zwischen Arnold Forrer und Jörg Abderhalden 2001 in Nyon war sogar das Duell zweier Klubkameraden. Beide gehörten dem Schwingklub Wattwil im Toggenburg an. Ein Schlussgang unter zwei engen Vertrauten war auch jener von 1974 in Schwyz gewesen, als die Berner über Jahre am Dominieren waren. Rudolf Hunsperger und der unterlegene Fritz Uhlmann kamen beide vom Schwingklub Worblental im Osten von Bern.

In der genannten Zeit von 1995 bis 2007 konnten die Nordostschweizer nicht nur auf ihre Schwingerkönige Thomas Sutter, Arnold Forrer und Jörg Abderhalden abstützen. Auch die Eidgenossen der zweiten Garde waren exzellent. Sie sorgten bei den Besten der anderen Verbände oftmals für entscheidende Punktverluste. 2001 hatte der Muotathaler Heinz Suter die Form, mit der er der zweite Innerschweizer Schwingerkönig hätte werden können. Im 1. Gang legte er Abderhalden ins Sägemehl. Aber im 4. Gang wurde er vom Bündner Stefan Fausch zum Stellen gezwungen. Nach einem weiteren Remis gegen den wie Fausch defensiv starken Zürcher Christian Vogel waren Suters Chancen dahin, der Weg für Forrer (und Abderhalden) frei.

Als die Nordostschweizer ihre beste Zeit erlebten, lagen die Berner darnieder. Aber gerade in jenen Jahren zogen Niklaus «Chlöisu» Gasser und der heutige Eidgenössische Technische Leiter Samuel Feller im ganzen Bernbiet behutsam Jungspunde heran. Daraus entstand die Goldene Generation mit Namen wie Christian Stucki, Matthias Sempach, Matthias Glarner, Matthias Siegenthaler, Willy Graber, Thomas Sempach, Simon Anderegg und dem etwas jüngeren Florian Gnägi. Diese kompakte Truppe übernahm das Kommando 2008. In den sieben Wettkämpfen mit eidgenössischem Charakter bis 2017 stellten die Berner sechsmal den Sieger, unter anderem mit drei verschiedenen Schwingerkönigen.

Am Eidgenössischen 2013 in Burgdorf war die Überlegenheit der Mutzen so eklatant, dass das Einteilungskampfgericht einen Kunstgriff anwenden musste, um die Sache auch für das Publikum nicht langweilig werden zu lassen. Im 6. und im 7. Gang mussten – eine unpopuläre Massnahme – je zwei der besten Berner gegeneinander antreten. Zuerst Glarner gegen Stucki, danach Glarner gegen Sempach. Trotz der logischen Punktverluste war ein reiner Berner Schlussgang – Sempach gegen Stucki – nicht anzuwenden.

Auch 2016 in Estavayer war die Berner Dominanz noch auffällig. Samuel Feller konnte nicht umhin, in die 20 Spitzenpaarungen im 1. Gang 19 Berner einzuteilen.

Die Goldene Generation ist jetzt in die Jahre gekommen, und man darf gespannt sein, welcher Verband künftig die Hegemonie für sich beansprucht. Ein bisschen stark sind die Berner immer noch, und sie haben auch ein paar wirklich hoffnungsvolle Junge in der Hinterhand. Man wird sehen, ob es reicht, die Spitze zu behaupten. Oder ob Samuel Giger/Armon Orlik oder Joel Wicki/Pirmin Reichmuth für ihre jeweiligen Verbände eine neue Epoche der Dominanz einläuten.