FIFA-Vize-Generalsekretär Zvonimir Boban vor dem WM-Start

Zvonimir Boban sitzt als Vize-Generalsekretär und Berater von FIFA-Präsident Gianni Infantino an den Schalthebeln der Macht im Weltfussball. Mit der sda blickt er auf die bevorstehende WM in Russland.

Der schwarze SUV fährt direkt vor den Haupteingang des FIFA-Hauptsitzes auf dem Zürichberg. Normalerweise dürfen so nahe an die Machtzentrale des Weltfussballs nur Funktionäre fahren, wenn sie in ihren Limousinen mit verdunkelten Scheiben hierher chauffiert werden. Doch er hat offenbar eine Sondergenehmigung, denn er ist ein mächtiger Mann im Weltfussball.

Er, das ist der Vize-Generalsekretär und Berater von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Er, das ist der Chef der Abteilung Fussball bei der FIFA, wobei er das Wort «Chef» nicht gerne hört, weil er sich eher als Arbeiter im Dienste des Fussballs sieht. Er, das ist Zvonimir Boban, 49 Jahre alt, 1994 Champions-League-Sieger mit Milan, 1998 WM-Dritter mit Kroatien.

Später sitzt Boban in der Garten-Cafeteria der FIFA und spricht mit der Nachrichtenagentur sda über die bevorstehende WM und das Imageproblem der FIFA. Und immer wieder wird deutlich: Was Boban auf dem Platz schon war, ist er auch jetzt als Analytiker und Entwickler: ein Schöngeist. Boban bewundert den Trainer Zinédine Zidane und vermisst im heutigen Fussball die kreativen Mittelfeldspieler. Und er mag den Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic, weil dieser «eine elegante Persönlichkeit» sei.

In wenigen Tagen beginnt die WM. Was dürfen wir fussballerisch erwarten?

Zvonimir Boban: «Fussballerisch werden wir nicht viel Neues erleben. Taktisch ist dies fast nicht mehr möglich. Es gab Arrigo Sacchi, den grössten Revolutionär im Fussball. Dann kam Pep Guardiola und hat die Prinzipien von Sacchi mit Schönheit verbunden. Die Zeiten haben sich geändert. Früher war mehr Qualität in den Aktionen der Einzelspieler. Mehr offensichtliche Begeisterung auch. Im Mittelfeld sehen wir heute fast keine Dribblings mehr, weil das Spiel so schnell wurde und der einzelne Spieler den Ball weniger lange hält. So geht ein wenig von der puren Klasse verloren, dafür ist das Spiel viel dynamischer. Dennoch wird die WM fussballerisch ein grossartiges Fest, ein grossartiges Spektakel, das viele Emotionen wecken wird.»

Sie haben Sacchi erwähnt – und für die heutige Zeit Guardiola. Gibt es sonst keine solchen Trainergenies mehr?

«Es gibt drei Trainer, die anders sind als der Rest. Guardiola natürlich und dann noch Zidane, der mit seiner natürlichen Art, die er schon als Spieler hatte, auch sein Team hat auftreten lassen. Er zeichnet sich wie zu seiner Zeit als aktiver Spieler durch Klasse und Intuition aus. Und ich würde noch Maurizio Sarri nennen, den Ex-Trainer von Napoli. Sein Team bewegte sich im Kollektiv mit einer Leichtigkeit, dass es richtig schön war zuzusehen.»

Und die Trainer bei den Nationalteams?

«Sie können keine Trends setzen. Daher nennt man sie nicht bloss Trainer sondern auch Selektionäre. Sie wählen die Spieler aus, die am besten zusammenpassen. Sie müssen eine gute Atmosphäre schaffen. Aber etwas Neues einzubringen ist für sie nicht möglich. An einer WM haben sie zwar etwas länger Zeit und können mehr Einfluss nehmen. Aber Revolutionäres ist von einem Nationaltrainer nicht zu erwarten.»

Wenn man also an der Spitze keine neuen Erkenntnisse erwarten kann, dürfen wir uns dafür auf Aussenseiter freuen, die über sich hinauswachsen?

«Wir reden seit fünfzig Jahren vom enormen Potenzial der Afrikaner. Aber nach wie vor fehlen ihnen die richtigen Strukturen. Die Teams aus Afrika spielen gut, aber es fehlt ihnen im entscheidenden Moment immer wieder etwas. Nehmen wir als Gegenbeispiel die Argentinier. Vor vier Jahren haben sie nicht attraktiv gespielt, weil aber Lionel Messi in Form war und die Mitspieler auf seine Qualitäten vertrauten, waren sie plötzlich in diesem speziellen Turnier-Modus drin, steigerten sich als Team und kamen bis in den Final, obwohl es in der Vergangenheit bessere argentinische Teams gegeben hatte.»

Bei Aussenseitern aus Afrika oder Asien ist immer wieder von den fehlenden Strukturen die Rede. Die FIFA zahlt in einem Vierjahres-Zyklus 1,7 Milliarden Euro an die Verbände zurück – drei Mal mehr als früher. Können Sie garantieren, dass dieses Geld zielgerichtet in die Entwicklung des Fussballs fliesst?

«Grundsätzlich zahlt die FIFA dieses Geld, weil es den Ländern gehört. Aber dann sind die Verbände selber verantwortlich, wie es eingesetzt wird. Jeder Verband muss uns aufzeigen, wofür das Geld vorgesehen ist. Wenn wir mit den vorgeschlagenen Projekten einverstanden sind, werden die Zahlungen ausgelöst. Mehr noch: Wir helfen ihnen das Geld im Sinne des Fussballs und der Fussballentwicklung zu investieren. Wir überprüfen jährlich, ob die Gelder projektbezogen eingesetzt werden. Wir dürfen aber auch nicht immer nur denken, dass das Geld sowieso veruntreut wird und alle Leute unehrlich sind. Wenn einer kriminell ist, wird er dafür auch bestraft.»

Damit sind wir bereits im Kern des Problems der FIFA.

«Welches Problem genau meinen Sie?»

Dass die FIFA nach dem grossen Umbruch vor drei Jahren immer noch ein Image-Problem hat.

«Das kommt daher, dass die Medien zum Teil negativ berichten, ohne Fakten zu nennen. Es gibt zu viele Artikel, die keinen Sinn machen, weil sie nicht auf Fakten basieren. Sie basieren auf der Gewohnheit, dass man die FIFA kritisieren soll. Das ist lächerlich. Ich bin überzeugt, dass die Leute ihre Meinung über die FIFA ändern werden.»

Was entgegnen Sie diesen Leuten. Was sind Ihre Fakten?

«Als ich vor zwei Jahren zur FIFA kam, war die Organisation in einer Art Schockstarre. Doch sie musste merken: Nicht die FIFA ist angeklagt, sondern die Einzelpersonen. Jetzt ist vieles transparenter und seriöser. Es wurden Reformen durchgeführt, die vieles klarer machen, glaubwürdiger auch. Die FIFA agiert verantwortungsbewusster. Wir sind zufrieden mit unserer Arbeit, denn wir haben alles wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht und vor allem: Wir sind wieder mehr zum Fussball zurückgekommen, mehr zurück zur Basis. Damit wird auch die Philosophie unseres Präsidenten Gianni Infantino umgesetzt. Er ist besessen vom Fussball.»

Eine unter Infantino eingeführte Neuerung ist die Aufstockung der WM auf 48 Teilnehmer ab 2026. Dies wurde zum Teil heftig kritisiert.

«Noch so ein Beispiel des ewigen Kritisierens. Früher gab es den Vorwurf, die FIFA denke nur an sich und an das Geld und an die Mächtigen dieser Welt. Doch die Vergrösserung der WM bewirkt genau das Gegenteil. Es gibt viel mehr Länder, die in diesen Anlass eingebunden werden, davon profitieren und den Traum einer WM-Teilnahme leben können. Und sportlich ist es doch viel interessanter mit den Dreiergruppen, weil die Teams sofort unter Druck stehen. Die Frage ist: Gibt es genügend gute Nationalteams für eine 48er-WM? Ich sage ja. Weshalb sollten 48 Teams zu viel sein? In Russland fehlen Italien, die Niederlande, Chile oder die USA. Die will man doch eigentlich sehen an einer WM. Der Fussball hat sich gewandelt. Es gibt kein 9:0 mehr an einer WM. Vor vier Jahren hat Costa Rica Italien geschlagen und vor allem taktisch dominiert. Stellen Sie sich das vor: Costa Rica dominiert Italien auf taktischer Ebene. Das Ziel der Entwicklung ist, dass wir 48 Nationalteams haben, mit 23 Spielern auf einem ausgeglichenen Niveau.»

In spätestens acht Jahren gibt es die WM mit 48 Teams. Wohl schon früher wird eine neue Klub-WM mit 24 oder 32 Mannschaften eingeführt. Gibt es nicht irgendwann zu viele Partien – sowohl für den Zuschauer als auch für die Spieler selber?

«Die Sicht des Spielers kenne ich: Du willst immer spielen und vor allem auf hohem Niveau. Und der Zuschauer? Die jetzige Klub-WM (mit acht Teams im Dezember – Red.) und der Confederations Cup haben nicht die fussballerischen Emotionen wecken können, welche die Fans, die Spieler und auch die FIFA verdienen. Wir müssen aber in Bezug auf eine andere, neue Klub-WM schauen, dass wir die Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen der Klubs in ein Gleichgewicht bringen. Bis jetzt haben wir mit den Klubs vor allem über die Prinzipien geredet, aber noch nicht über Details. Zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden wir mit allen involvierten Interessengruppen und Beteiligten. Wir entscheiden alle zusammen über die Klub-WM, nicht die FIFA alleine, denn wir sind keine Diktatur.»

Sind Sie zuversichtlich?

«Ich sehe die Alternative zur Klub-WM und frage mich: Was machen die Klubs heute? Sie machen ihre eigenen Tourneen in den USA oder in Asien. Sie kassieren dafür Geld, aber sie massakrieren ihre Teams. Das macht wenig Sinn. Wir müssen dem Ganzen wirklich einen würdigen Rahmen geben, und das streben wir an.»

Was muss sich im Fussball aus Ihrer Sicht noch ändern?

«Mühe habe ich mit dem Transfersystem. Diese vielen Leih- und Tauschgeschäfte und grundsätzlich das Umherschieben von Spielern durch die Agenten. Einige Topklubs haben über neunzig Spieler unter Vertrag – die meisten aber sind weltweit in anderen Klubs platziert. Diese Deregulierung hat Dimensionen erreicht, die dem Fussball nicht guttun. Ein solches System ist nicht gut, und ich hoffe, dass wir daran schon bald etwas ändern können. Der FIFA-Präsident arbeitet an einer Lösung, und ich bin sicher, dass er für eine Lösung im Sinne des Fussballs bestrebt ist. Aber spruchreif ist noch nichts.»

Kommen wir von der Zukunft nochmals zurück in die Gegenwart und zur WM in Russland. Sie leben seit ein paar Jahren in Zollikon bei Zürich. Was kann die Nationalmannschaft Ihrer Wahlheimat erreichen?

«Die Schweiz hat ein gutes, solides Team, dem allerdings etwas das Aussergewöhnliche fehlt. Aber das war bei der Schweiz schon immer so. Der Trainer ist der grosse Vorteil der Schweiz. Ich mag Vladimir Petkovic. Er ist eine elegante, grossartige Persönlichkeit und versteht den Fussball. Petkovic ist auch in Italien sehr respektiert. Die Schweizer Gruppe ist heikel, denn Costa Rica ist hart zu bespielen, Serbien ist talentiert und immer für eine Überraschung gut. Alles in allem glaube ich, dass die Schweiz mehr Qualität hat als Costa Rica und Serbien.»