Der Blick hinter die Kulisse der heilen Welt des Sports

Dopingfreier Spitzensport – die Illusion einer heilen Welt? «Ja», sagt Hajo Seppelt, der bekannteste Investigativ-Journalist des Sports im deutschen Sprachraum an einer Tagung in Magglingen.

Der Deutsche Hajo Seppelt lenkte den Blick nicht bloss auf die Dopingsünder, sondern auch auf das System des Sports. «Der Sportler dopt, er macht Rekorde, der Sportler wird nicht erwischt, alle profitieren – Sportler, Verband, Sponsor, Trainer, Manager, Fernsehanstalt – und man spricht nicht über Doping. Das ist das beste Geschäftsmodell», sagte Seppelt. Seiner Ansicht nach fehlt in der Sportwelt das Interesse, dieses System zu durchbrechen. Zu eng verbandelt sind alle Akteure.

Herr Seppelt, diesen Winter steht mit den Olympischen Spielen wieder ein Grossereignis an. Sotschi 2014 offenbarte, dass nicht nur gedopt, sondern von Gastgeber Russland in grossem Mass staatlich gelenkt betrogen wurde. Mit welcher Haltung soll ein sportbegeisterter TV-Zuschauer im Februar die Höchstleistungen der Athletinnen und Athleten in Pyeongchang aufnehmen? Mit Begeisterung oder mit Skepsis? Mit Jubel, mit anerkennendem Nicken oder mit einem Stirnrunzeln?

Hajo Seppelt, Investigativ-Journalist der ARD: «Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Zuschauer kann sich ein Bild über die Funktionsweise des Spitzensports machen. Dann soll er seine Prioritäten setzen. Wir (damit meint Seppelt sich und seine Kollegen der ARD-Redaktion, die als eigenes Ressort freie Hand haben, um Hintergründe zu beleuchten – d. Red.) sind keine Spassbremsen, wir wollen nur das ganze Bild vermitteln. Manche schalten für Pyeongchang ein, manche werden ausschalten.»

Sie arbeiten als Sportjournalist. Was erwarten Sie von Ihren Berufskollegen? Wie sollen sie ihre Arbeit anpacken, was ist ihre Aufgabe?

Seppelt: «Von dem einen oder anderen Berufskollegen würde ich mir erhoffen, dass er versteht, welche komplexe Gesamtlage es da gibt. Dass er sieht, an welchen Strippen im Hintergrund gezogen wird, und dies in seiner Berichterstattung auch stattfindet. Dies wäre mir sehr wichtig, denn dann würde das gesamte Bild des Sport gezeichnet – und nicht nur jenes des Entertainments, des Spektakels, der Inszenierung. Während der Spiele ist es dann so, dass man die Wettkämpfe guckt. Sie sind per se eine Dramaturgie, sind per se Entertainment. Da braucht man nicht noch durch überbetonte Dramatisierung die Geschichte anders darzustellen als sie wirklich ist. Sport an sich hat einen Unterhaltungswert, den wir nicht noch übersteigern müssen.»

Der Enthüllungsjournalismus ist kosten- und zeitintensiv. Haben die Journalisten überhaupt die Ressourcen, um die Wächterfunktion wahrzunehmen? Im Alltag zählt primär die Schnelligkeit, das Generalistentum oder die Fähigkeit, auf sämtlichen Medienkanälen zu berichten. Lassen Sie dieses Argument gelten?

Seppelt: «Ich sehe es differenziert. Wenn Kollegen nicht das Geld und die Zeit dafür haben, lasse ich das Argument gelten. Wenn hingegen Verleger, Intendanten oder Chefredaktoren Sportredaktionen aufstellen, in denen mitunter kein einziger oder nur sehr wenige Kollegen unterwegs sind, die mit entsprechendem Wissen die Hintergründe und die Sportpolitik beleuchten, dann finde ich, ist dies ein Versagen des Sportjournalismus.»

Dopingfreier Sport – die Illusion einer heilen Welt?

Seppelt: «Das ist eine komplette Illusion. Es wird auch nie einen Strassenverkehr geben, bei dem niemand bei Rot über die Kreuzung fährt. Es wird auch nie eine Gesellschaft geben, in der es keinen Mord, Totschlag und Raub geben wird. Es ist eine märchenhafte Idee zu glauben, es werde jemals anders sein, obwohl manche Leute sich dies so wünschen und dies in Sonntagsreden auch so erzählen. Die Frage ist halt nur, wie ernsthaft der organisierte Sport – beispielsweise das IOC oder die Antidoping-Agenturen – den Kampf gegen Korruption und Doping im Sport führt. Damit verbunden ist dann, in welchem Ausmass es im Sport noch Betrug gibt. Und da ist noch viel Luft nach oben.»

Was ist effektiver in der Dopingbekämpfung: Kontrollen oder das Aufbrechen der korrupten Strukturen?

Seppelt: «Beides ist wichtig. Normale Dopingkontrollen, gleichzeitig muss es ein kritisches Hinterfragen der Strukturen geben. Und wenn man die Strukturen nicht ändert, wird sich das Problem kaum reduzieren lassen. Wenn man hingegen die Strukturen ändert, wäre es vielleicht in Zukunft gar nicht mehr notwendig, so flächendeckend nach dem Giesskannenprinzip zu testen. Unabhängige Studien zeigen: Obwohl nur 1 Prozent positive Fälle auffliegen, beträgt die Verbreitung von Doping bis zu 45 Prozent. Die Dunkelziffer liegt bei 44 Prozent, da kann das heutige System der Dopingkontrollen gar nicht so effektiv sein.»